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Carolin Philipps

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Bücher

Ihre Bücher Eine Königin zwischen  Liebe, Pflicht und Widerstand.

ISBN 978-3-492-30444-3

Oktober 2015 bei Piper

Therese von Bayern: Eine Königin zwischen Liebe, Pflicht und Widerstand.

Jeder kennt die Theresienwiese in München. Doch kaum einer kennt die wahre Geschichte, der Frau, nach der sie benannt wurde Therese von Bayern. Carolin Philipps zeigt mit bisher unveröffentlichten Quellen aus dem Geheimarchiv der Wittelsbacher  zum ersten Mal ihren Lebensweg. 

 

Das erste Oktoberfest wurde hier 1810 anlässlich ihrer Märchenhochzeit mit dem späteren bayrischen König Ludwig I. zum ersten Mal veranstaltet. Die Realität sah anders aus: eine Berg- und Talfahrt zwischen Anbetung und Demütigung durch ihren Mann, der ihr zwar zahllose leidenschaftliche Gedichte schrieb, sie aber auch durch seine ebenso zahllosen Affären in aller Öffentlichkeit bloßstellte und in seinem Jähzorn auch vor körperlicher Gewalt gegen seine Frau nicht zurückschreckte. Als er durch seine in München offen gelebte Affäre mit der spanischen Tänzerin Lola Montez die Sympathien des ganzen Volkes verscherzte, setzte Therese sich mit ihrer gesellschaftlichen Macht als Königin an die Spitze der Proteste, die 1848 zum unfreiwilligen Rücktritt des Königs führten.



Ihre Bücher Das Geheimnis um die Tochter Marie Antoinettes

ISBN 978-3-492-26457-0

März 2012 bei Piper

Die Dunkelgräfin. Das Geheimnis um die Tochter Marie Antoinettes

Seit fast zwei Jahrhunderten erregt die „Dunkelgräfin“ das Interesse der Forscher. Wer war die geheimnisvolle Frau, die in einer eleganten Reisekutsche im Jahre 1807 im thüringischen Hildburghausen eintraf? Schon lange wird vermutet, dass es sich dabei um Marie Thérèse Charlotte de Bourbon, die Tochter Marie Antoinettes und Louis XVI., gehandelt haben könnte. Bei ihrer Auslieferung nach Österreich soll sie vertauscht worden sein. Wer aber war dann die andere Frau, die an ihrer Stelle später sogar für kurze Zeit Königin von Frankreich wurde?

Carolin Philipps beleuchtet den spannenden Kriminalfall neu – mit überraschenden Erkenntnissen. Am Ende ist klar, wer die echte Königstochter gewesen sein muss.

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Auf den Spuren der Dunkelgräfin
Die Geschichte meiner Recherche

Hildburghausen 6.11.2008

8.30 Uhr. Frühstück im Thüringischen Hof. Ich bin der einzige Gast. Während ich ein Marmeladenbrötchen schmiere, singt nebenan im Schankraum  Marianne Rosenberg: La… la… la… Ist es wirklich Liebe… oder ist die Liebe vom Winde verweht?

Eine halbe Stunde später bummle ich durch den Ort. Nebel hängt über der Stadt. Für mein Buch „Luise. Die Königin und ihre Geschwister“ wandle ich auf den Spuren ihrer Schwester Charlotte, die bis 1818 Herzogin von Hildburghausen war. An ihrem Hof, den sie zum Musenhof ausgebaut hatte, trafen sich vor 200 Jahren Dichter, Denker und Musiker. Kleiner als Weimar, aber immerhin. Hier trafen sich Luise und ihre Geschwister zu Familienfesten, hierhin flüchteten sie 1792 vor den Truppen der französischen Revolution.

Die Stadtkirche ist wegen Umbaus geschlossen. Zufällig treffe ich auf den Küster, dem ich von meiner Recherche erzähle. Er führt mich auf die Empore der 1785 geweihten Christuskirche hinauf und zeigt mir, wo Herzogin Charlotte gestanden hat, wenn sie mit ihrer über die Grenzen des Herzogtums hinaus berühmten Stimme gesungen hat. Ich merke, wie ich langsam in die Zeit vor 200 Jahren zurückgleite.

Im Schlosspark  steht das Luisendenkmal, errichtet 1815 von ihrer trauernden Schwester: „Ach – sie war  uns zu früh im Sturme der Zeiten geschieden“, so lautet die Inschrift.

Ich wandere über die Grundmauern des ehemaligen Schlosses, das in den letzten Tagen des 2. Weltkriegs bombardiert und später abgerissen wurde. Gras wächst über die verfallenden Mauern, Autos parken dort, wo sich vormals Paare zum Walzer drehten. Zerfallen, vergangen, vorbei. Nichts bleibt. Nur ab und an starrt ein schwarzes Loch zwischen dem Gras hervor. Der Eingang zu einem Kellergewölbe. Dann entdecke ich an der alten Mauer einen Eckstein: Blätter, Blumen geschnitzt aus dem grauen Stein. Eine Signatur. Ein Stück vom Stadtschloss. Daneben wächst aus den zerfallenden Steinen ein kleiner Baum. Neues Leben in alten Mauern. Melancholie liegt in der Luft.

Getragen von dieser Stimmung gehe ich zurück zum Marktplatz, kaufe mir an einem Stand eine Currywurst und ein Glas Glühwein und stelle mich an einen der Stehtische. Während ich meinen Glühwein schlürfe, mache ich mir Notizen über meinen Rundgang. In Gedanken fliege ich zwei Jahrhunderte zurück, versuche mir vorzustellen, wie es damals auf dem Marktplatz ausgesehen hat.

Als ich zufällig aufsehe, bemerke ich die neugierigen Blicke, die mir die Standbesitzer zuwerfen. Der Mann aus der Currywurstbude bindet sich gerade eine schneeweiße Schürze um und stellt sich dann neben mich.
„Schmeckt es?“
Ich nicke etwas abweisend. Ich weiß aus Erfahrung, dass man nicht zu freundlich sein darf, wenn man als Frau alleine reist.
„Hygiene?“ fragt der Mann mit dem weißen Kittel.
Ich schaue ihn verwirrt an. Die abrupte Rückkehr aus dem Jahr 1800 in die Gegenwart macht mich schwindelig. Oder ist es schon der Glühwein?
„Ich schreibe ein Buch!“ sagte ich und beuge mich wieder über meine Notizen.
„Nicht Hygiene?“
„Nee. Über die Herzogin Charlotte.“
„Ach so!“ Die Erleichterung steht dem Mann ins Gesicht geschrieben. Er zeigt den anderen Standbesitzern, die uns gespannt beobachten, den erhobenen Daumen. „Ich dachte schon Hygieneaufsicht. Die machen sich auch immer Notizen.“
„Nee, nur ein Buch“, sage ich noch mal. So ganz verstehe ich immer noch nicht, was er will. Muss am Glühwein liegen. Hätte doch nicht schon mittags damit anfangen sollen.
„Ist auch besser als Hygiene“, sagt der Mann im weißen Kittel, bevor er zu seinem Currywurststand zurückgeht. „Na, dann viel Erfolg und weiter guten Appetit. Wollen Sie noch ´nen Glühwein?“
Ich winke dankend ab, packe meine Notizen ein und verlasse den Marktplatz, freundlich nickend von allen Marktbesitzern verabschiedet.
Zum Abschluss meiner Recherche besuche ich das Stadtmuseum. Hier stolpere ich über ein Rätsel, von dem ich vorher noch nie etwas gehört hatte: Im Jahr 1807 kam in Hildburghausen ein geheimnisvolles Paar an, das dann dort Jahrzehnte wohnte. Die junge Frau soll die Tochter der französischen Königin Marie Antoinette gewesen sein, von der ich während meines Geschichtsstudiums gelernt hatte, dass sie sich mit ihrem Mann und ihrem Onkel Louis XVIII. um diese Zeit in Mitau/Kurland, was heute Jilgava heißt, in Lettland liegt und damit 1600 Kilometer entfernt, aufgehalten hat. Von Hildburghausen war nie die Rede.
Das Grab der sog. Dunkelgräfin soll auf dem Stadtberg von Hildburghausen liegen. Ich liebe Rätsel, vor allem ungelöste, und so mache ich mich auf den Weg. Ich parke mein Auto auf  halber Höhe des Stadtberges und klettere den schmalen Weg zu Fuß weiter. Es wird langsam dunkel und mir ist ein wenig unheimlich zumute, denn ich bin weit und breit die einzige Wanderin und weiß trotz des kleinen Hinweisschildes noch nicht mal, ob ich auf dem richtigen Weg bin.
Und dann stehe ich vor dem von Efeu und Sträuchern halb überwachsenen Grabhügel. Das grüne Moos, das die gemauerten Steine fest im Griff hat, schimmert feucht.

Einen Grabstein gibt es nicht, nur ein schmuckloses Schild gibt Auskunft: „Hier ruht die Dunkelgräfin. Sie starb am 25. November 1837 im Alter von 56 Jahren.“ Liegt hier wirklich so ganz alleine und von der Welt unbeachtet die Tochter Marie Antoinettes begraben? Wie sollte sie hierher gekommen sein? Und warum?

Ich stehe lange hier. Die Einsamkeit, die von diesem Ort ausgeht, hüllt mich wie ein kalter Mantel ein. Ich fröstele, es wird schon dunkel. Ich pflücke ein wenig Efeu vom Grab. Warum ich das tue, weiß ich nicht so genau.
Wie gesagt: Ich liebe ungelöste Rätsel, dies hier hat mich in einer ganz besonderen Weise berührt. Und obwohl ich eigentlich nach Hildburghausen gekommen bin, um für mein aktuelles Buch über die Königin Luise und ihre Geschwister zu forschen, habe ich nun ein neues Projekt, das mich fasziniert.

Mai 2010

Vor mir liegt ein Foto der neunjährigen Marie Therese Charlotte de Bourbon, der Tochter Marie Antoinettes und Louis XVI., der Enkelin der österreichischen Kaiserin Maria Theresia. Als das Foto gemacht wurde, war die Welt der kleinen Prinzessin noch in Ordnung. Sie wuchs in Versailles in unvorstellbarem Luxus auf, umgeben von der Liebe ihrer Eltern, die sich, mehr als in königlichen Kreisen sonst üblich, um sie kümmerten.

Und geendet hat ihr Leben im Thüringischen Wald, 840 Km von Versailles entfernt? Liegt sie dort begraben einsam, moosüberwuchert ihr Grab im Stadtpark zu Hildburghausen?

Das passt nicht zusammen. Auch wenn ich weiß, dass sich ihr Luxusleben mit dem Sturm auf die Bastille am 4.7.1798 radikal änderte: Gefangen im Temple zu Paris, ihre Eltern auf der Guillotine getötet.

Die offizielle Version in den Geschichtsbüchern macht viel mehr Sinn, dass sie nach Wien ausgeliefert wurde gegen französische Gefangene, dass sie ihren Cousin heiratete und als Herzogin von Angouleme nach Frankreich zurückkehrte, später sogar für wenige Minuten Königin von Frankreich war und nun in Frohsdorf bei Wien begraben liegt.

Und selbst wenn sie im Stadtpark ihre letzte Ruhe gefunden hat, wer um alles in der Welt liegt dann im Grab in Frohsdorf?

Ich lese leidenschaftlich gerne Krimis und so lässt mir dies aussichtlos erscheinende Problem, an dem sich die Historiker seit 200 Jahren die Zähne ausbeißen, keine Ruh.

Ich versinke in der Literatur zum Thema, studiere das Für und Wider, schwanke mit den Argumenten hin und her und bin schließlich überzeugt, dass die Lösung, wenn es überhaupt eine gibt, in den Archiven liegen muss.
Aber wo?

In Altenburg, wo die Dokumente der Herzogsfamilie von Sachsen-Hildburghausen lagern, die der „Dunkelgräfin“ Asyl gewährt hatte, scheint schon alles „abgegrast“ zu sein. Ein Nachkomme der Herzogin Charlotte, Prinz Friedrich Ernst von Sachsen-Altenburg schreibt, dass bei den Dokumenten seiner Vorfahren keine Hinweise existieren, denn sie hatten alle geschworen, zu schweigen. Auch die Herzogin von Angouleme hatte verfügt, dass nach ihrem Tod alle ihre Briefe vernichtet werden sollten. Nur wenige sollen noch in Wien liegen.

Die meisten französischen Historiker ignorieren die Zweifel an der Echtheit der Herzogin von Angouleme, wissen oft gar nichts von Hildburghausen. Haben sie vielleicht Hinweise im Archiv zu Paris übersehen, weil sie nicht erkannt haben, was sie für mein Problem bedeuten sollten?
Ich beschließe dort mit der Suche zu starten, wo noch alles eindeutig war: in Paris.

Juni  2010

Ich wohne in einem kleinen Hotel in einem noch kleineren Zimmer in der Nähe des ehemaligen Temple. Ich wandere durch die Straßen und suche nach Überresten des Temple, dort wo Marie Therese als Gefangene war. Das einzige, was übrig geblieben ist, ist der Garten, in dem sich heute ein Kinderspielplatz befindet. Kein Schild erinnert an die schrecklichen Ereignisse während der Revolutionszeit.

Die Archives Nationales de Paris befinden sich in einem riesigen Gebäude. Hier lagern Dokumente aus dem ganzen Land. Zunächst muss ich einen Ausweis machen lassen. Dann darf ich in den 2. Stock, wo ich meine Bestellungen abgeben soll. Das hätte ich alles von zuhause aus machen können, sagt mir die mürrische Dame am Empfang. Ja, wenn ich wüsste, wonach ich suche. Aber das weiß ich doch noch nicht. Zudem liebe ich die alten Findbücher, die man durchblättert, um dann auf überraschende Akten zu stoßen. Online finde ich immer nur was, wenn ich schon weiß, wonach ich suchen soll.

Das versteht die Dame nicht, und ich weiß nicht, ob das an mir oder an meinem Französisch liegt. Für Diskussionen über den Sinn und Unsinn von Onlinebestellungen fehlen mir die richtigen Vokabeln.
Immerhin gibt es doch noch normale Findbücher, die die Dame mir etwas verächtlich überreicht. Der moderne Historiker sucht online, sagt ihr Blick.

Großzügig übersehe ich ihn. Hauptsache, ich finde, was ich suche.

Was ich nachmittags bestelle, bekomme ich am nächsten Morgen. Aber nur drei Akten pro Tag. Immerhin kann ich neue bestellen, auch wenn ich die alten noch nicht durchgesehen habe.

Im 2. Stock befindet sich die Ausleihe für die Akten. Man darf sogar fotografieren, womit ich nun gar nicht gerechnet habe. Dafür ist die Etage automatisch verriegelt, beim Reingehen werden alle Unterlagen durchgeblättert, Federtaschen durchsucht, prüfende Blicke gleiten über meinen Körper.

Im 3. Stock stehen 30 Mikrofichemaschinen. Kopieren kann man nur an einigen wenigen. Der zuständige Angestellte schaut mich muffig an. Das muss an den Ausdünstungen der alten Papiere liegen, dem akuten Sauerstoffmangel in den Räumen, dass viele Archivangestellte immer müffelig sind und die Besucher wie lästige Fliegen behandeln.

Ich finde die Listen der Schweizer Garden, die Templeprotokolle über den „Tyrannen“ Louis XVI. und seine Frau Marie Antoinette, über die „Tochter Capet“, wie Marie Therese im Revolutionsjargon heißt. 200 Jahre alte Rechnungen, die unter meinen Fingern zu zerbröseln beginnen. Vergilbte Protokolle der Templewärter. Kleine Kostbarkeiten. An meinen Fingern haftet der Staub von Jahrhunderten.

Jedes Edikt, das die Gefangenen betraf, wurde sorgfältig abgeheftet. Nie hätte ich gedacht, dass die Revolutionäre auch während dieser chaotischen Zeit der französischen Revolution so viel Wert auf  bürokratische Ordnung legten.

Manches, was ich in der Literatur gefunden habe, halte ich nun selber im Original in den Händen, manches aber  ist für mich neu. Jedes Detail ergänzt das Puzzle vom Leben der königlichen Familie in ihrem Gefängnis.

Um 17.00 Uhr schließt das Archiv. Zum Glück bin ich in Frankreich, sodass man schon um diese Zeit im Café ein Glas Rotwein genießen kann, ohne gleich als Alkoholiker zu gelten. Ich spüle den Staub der letzten Stunden hinunter.

Beim Bummel an der Seine entlang bleibe ich wie immer, wenn ich in Paris bin, bei den Bouquinisten hängen. Hier entdecke ich noch zugeschweißte Memoiren von Zeitzeugen aus der Zeit der Revolution. Ich kaufe begeistert ein. Zu spät fällt mir ein, dass ich nicht mit dem Auto hier bin. Auch in den Buchhandlungen werde ich fündig. Mein Koffer hat Übergewicht, als ich zurückfliege.

Dafür bin ich nun in der Lage, die Geschichte meiner Prinzessin bis zum Austausch nach Wien zu schreiben, aber das, wonach ich eigentlich suche, habe ich hier nicht gefunden.

Anfang  Juli 2010

Es ist heiß in Wien. Jede Bewegung führt zu neuen Schweißausbrüchen. Ich verbringe eine kühlende Stunde in der Wiener Hofburg. Hier ist meine Prinzessin, falls die offizielle die Richtige war, im Dezember 1795 angekommen. Aber nichts in der Burg erinnert an sie. Es scheint so, als ob die Geschichte Österreichs erst mit der Kaiserin Sissi begonnen hat. Sissi, wohin man sich wendet. Was doch das Kino erreichen kann.

Ich setze mich draußen in ein Café und plane meinen Archivbesuch. Die Ankunft der Tochter Marie Antoinettes muss sich doch in den Briefen aus der Zeit niedergeschlagen haben. Maria Karolina, die Schwester Marie Antoinettes wollte sie bei sich in Neapel aufnehmen. Ihre Tochter war Kaiserin in Wien. Werden sie sich nicht über die Neuankommende ausgetauscht haben?

Am nächsten Morgen bin ich pünktlich um 8 Uhr im Archiv. Ich muss jede Minute ausnutzen. Zunächst wird wieder ein Ausweis gemacht, die Dame bei der Anmeldung überreicht mir außerdem 1 Paar schneeweiße Baumwollhandschuhe.

„Wegen dem Fett auf ihren Händen“, erklärt sie mir. „Das vertragen die Akten nicht.“

Oh weh! Bei der Hitze auch noch Handschuhe tragen. Meine Hände sind jetzt schon schweißgebadet.
Auch hier wird mir im Lesesaal erklärt, dass ich schon von Hamburg aus online hätte suchen können. Auch hier erkläre ich, dass ich lieber das alte Findbuch hätte, weil ich ja noch nicht weiß, was ich will. Auch hier schüttelt der Angestellte genervt den Kopf.

„Keine Fotos!“ sagt er. „Streng verboten! Fertige Akten auf den Wagen links. Wenn sie  Kopien brauchen, Schein ausfüllen und Akten auf den Wagen rechts.“ Damit wendet er sich wieder seiner Illustrierten zu, die er ganz offensichtlich viel interessanter findet als mich. Er scheint zu erwarten, dass sich jeder auskennt. Sein Blick sagt: Wo kommen wir denn hin, wenn alle so viel Fragen stellen wie Sie?

Mit weißen Handschuhen angetan blättere ich die Briefe der Kaiserfamilie durch. Eine Erzherzogin nach der anderen. Die Mittagsglut findet ihren Weg ins Archiv. Mir gegenüber sitzt eine Studentin mit Schnupfen. Darum will sie nicht, dass ich das Fenster öffne. Sie fürchtet Zugluft, weil ringsherum alle die Fenster aufreißen.

Ich versuche die Hitze mental zu besiegen, beame mich in Gedanken in den kalten Januar 1796 und stürze mich in die vor mir liegenden Akten.

Ich darf immer nur drei pro Tag bestellen. Wie soll ich das in den fünf Tagen schaffen, die ich in Wien bin? Manche Akten blättere ich erfolglos durch. Die Überschrift, nach der ich sie bestellt habe, war trügerisch.
„Wonach suchen Sie denn?“ fragt mich der Archivaufseher, an den ich mich erneut gewandt habe, sichtlich genervt.
„Nach Briefen und Akten, die etwas über die Identität von Marie Therese Charlotte de Bourbon  aussagen.“
„Noch nie gehört! Geht es auch konkreter?“
Genau das geht eben nicht. Ich müsste am Tag 20 Akten durchsehen dürfen. Alles rund um meine Suchperson. Ich bin doch nur fünf Tage hier.
„Das ist gegen die Vorschrift.“
„Ja, aber… Ich suche nach etwas, was nicht auf dem Aktendeckel steht…“
Keine Chance. Troja wäre niemals ausgegraben worden, wenn die Archäologen nur täglich drei Quadratmeter hätten umgraben dürfen. Nun gilt es mit Glück die richtige Auswahl treffen, was mir zunächst nicht annähernd gelingt. Am zweiten Tag habe ich schon gegen 10 Uhr nichts mehr zu tun. Die neuen Akten kommen erst am nächsten Morgen.

In meinem Mietwagen mache ich mich auf den 4 stündigen Weg zum Kloster Kostanjevica, das oberhalb von Triest auf einem Felsen liegt und heute zu Slowenien gehört. Die Herzogin von Angouleme ist zwar auf Schloss Frohsdorf 70 km südlich von Wien gestorben, aber begraben wurde sie in der Gruft dieses Klosters an der Seite ihres Schwiegervaters und ihres Mannes. Auch die beiden Kinder ihres Schwagers, für die sie Mutter war, liegen hier begraben : Louise Marie Thérèse de Bourbon-Artois (* 21. September 1819; † 1. Februar 1864) und Henry de Bourbon (* 29. September 1820; † 24. August 1883), der bei den Royalisten als der letzte Bourbonenkönig galt.
Wer aber liegt nun wirklich in dem weißen Sarg? Ist sie es oder ist sie es nicht?

Zwei Tage später bin ich im Archiv in Wien zurück.  Vor mir liegen die Briefe der Königin von Neapel Maria Karolina, der Lieblingsschwester Marie Antointettes, an ihre Tochter. Und hier endlich finde ich Hinweise darauf, dass man am Wiener Hof schon sehr bald den Verdacht hatte, dass mit der französischen Prinzessin, die im Januar 1796 in Wien angekommen war, etwas nicht stimmte.

Auch am nächsten Tag werde ich fündig. Vor mir liegt eine dicke Akte mit Abschriften  von Briefen, die die Wiener Geheimpolizei von allen Briefen Marie Thereses und ihrer Begleitung gemacht hat. Und hier stoße ich in den Briefen des Kammerdieners Hue auf weitere Spuren für die Lösung meines Kriminalfalls. Hue hat das Geheimnis gekannt, ebenso wie die ehemalige Gouvernante Madame de Soucy. Aber sie reden in Rätseln. Noch fehlt mir der Generalschlüssel.

September 2010

Zusammen mit meinem Vater mache ich mich auf Spurensuche. Wir haben in Freiburg ein Auto gemietet. Leider war kein Navigator zu bekommen, ich hätte ihn vorbestellen müssen. Macht nichts, denke ich zunächst. Früher sind wir auch ohne ausgekommen. Außerdem geht es ja zuerst nach Hüningen. Eine kleine Stadt am Dreiländereck Frankreich-Deutschland-Schweiz. Wie soll man sich da verfahren können?

Die Stadt liegt an einem der Kreuzungspunkte des Oberrheins. Hüningen war eine Festung, die der berühmte Festungsbaumeister Ludwigs XI. Vauban gebaut hat. Sie war auch Hauptort der Kommandanten der königlichen französischen Truppen im Elsass, grenzte direkt an die Schweizer Stadt Basel mit seinen 1500o Einwohnern, die für beide Staaten neutraler Boden und ostwärts vom vorderösterreichischen Gebiet um Rheinfelden und den Waldstätten flankiert war.

Wo aber lag der ehemalige Landgasthof  „Le Corbeau“, in dem Marie Therese die Tage vor dem Austausch verbrachte?

In der Badischen Zeitung fand ich eine Artikelserie, die sich u.a. mit den Straßennamen des Ortes Hüningen befasste, in dem es sogar eine Rue Madame Royale gab. In dem Artikel fand ich den Hinweis, dass sich das Gasthaus „Au corbeau“ in der Rue Vauban befand. Heute soll es ein chinesisches Restaurant sein. Keine Ahnung, woher die Autorin ihre Weisheit hat, jedenfalls stimmten die Angaben nicht mit der Realität überein.
Hüningen entpuppte sich wie erwartet als ein verschlafener Grenzort. Das Museum macht nur jeden 1. und 3. Sonntag im Monat für 3 Stunden auf. Schade. Als einziges Überbleibsel aus der Zeit des Besuches der französischen Königstochter soll hier ein weißer Kachelofen aus dem Zimmer, das sie damals bewohnte, stehen.

Auf unserem Stadtplan finden wir sofort die Rue Vauban. Nach mehrfachem Hin-und Herfahren sind wir da. Aber kein Chinarestaurant weit und breit. Beim Rückwärtssetzen überfahre ich zum Vergnügen der Müllleute eine Mülltonne, die zum Glück gerade geleert worden war. Die hilfsbereiten Männer klären mich auf, dass es in Hüningen zwei Straßen mit dem Namen Rue Vauban gibt: die eine mitten im Ort nahe der Rheinbrücke, die andere im Vorort Saint Louis, in dem wir uns gerade befinden. Die Begeisterung für den Festungsbauer Ludwigs XI. Vauban scheint hier ungebrochen zu sein.

Die vielen Einbahnstraßen im Ort tragen zur weiteren Verwirrung bei. Nach weiterem endlosem Suchen, bei der uns hilfsbereite Franzosen helfen, die aber auch nur eine dunkle Ahnung von dem haben, was wir eigentlich wollen, stehen wir endlich vor dem schmucklosen zweistöckigen Eckhaus an einer viel befahrenen  Kreuzung. Das also war einmal der Landgasthof, „Au Corbeau“, „Zum Raben“.

Nichts erinnert an das historische Ereignis an Weihnachten 1795, als die Tochter des letzten französischen Königs in ihrer Kutsche vorfuhr und hier Quartier nahm. Nur an einer Seitenwand deutet ein kleines Wappen mit einer Krone und drei Lilien darauf hin, dass dies Haus anders ist als seine Nachbarn.

Die Farbe an den Holzfenstern blättert ab. Im Erdgeschoss befindet sich heute eine Bank. Absolutes Halteverbot gilt vor dem Gebäude. Ein weiteres Schild droht mit dem Abschleppen des PKWs. Ich riskiere es trotzdem.

Im ersten Stock ein kleiner Balkon mit schmiedeeisernem Gitter. Hier und da blitzen Reste goldener Farbe auf. Hinter diesen Fenstern hat Marie Therese, die Tochter Marie Antoinettes und Louis XVI. ihre letzten Stunden auf französischem Boden verbracht. Hier hat sie sehnsuchtsvolle Briefe an ihre „Geliebte Renete“ geschrieben, an die Frau, die sie die letzten Monate im Temple betreut hatte und zu einer guten Freundin geworden war.

Und hier soll auch die Vertauschung stattgefunden haben. Soldaten hatten die Eingangstür bewacht, damit kein Unbefugter eindringen kann. Und doch ist es einem unbekannten, jungen Mädchen gelungen.

Um uns herum braust der Straßenlärm, der aber nur auf unsere tauben Ohren trifft, denn  wir befinden uns in der Zeit der Kutschen. Ich hätte stundenlang hier stehen können, aber die nahende Polizeistreife erinnert mich daran, dass ich im Halteverbot parke.

Weiter geht es nach Basel. Uns interessieren vor allem die Gebäude, die schon um 1795 hier standen.  Wir bummeln durch die Basler Altstadt über den Marktplatz am roten Rathaus vorbei Richtung Rhein.

„Rheinsprung“ heißt die verwinkelte, enge Straße, die steil bergauf führt. Von hier hat man einen wunderbaren Blick über den Fluss auf das andere Ufer.  Diese Straße war einstmals eine der besten Adressen der Stadt. Wir kommen am Blauen Haus vorbei, das 1762-68 für den Seidenfabrikanten Lukas Sarazin erbaut wurde. Daneben das Weiße Haus, das sein Bruder Jakob zur selben Zeit errichten ließ. Hier weilte 1777 der regierende deutsche Kaiser Joseph II. unter dem Pseudonym Graf von Falckenstein, der auf dem Weg nach Paris zu seiner Schwester, der französischen Königin Marie Antoinette, war. Auch Prinz Heinrich von Preußen, Johann Caspar Lavater, Heinrich Pestalozzi und der blinde Dichter G.C. Pfeffel waren hier zu Gast.

Einige Hundert Meter weiter in der St.Johanns-Vorstadt suchen wir den Holsteiner Hof, um 1780 das Haus des Baseler Szadzschreibers Peter Ochs. In seinem großen Garten, der von der Hebelstraße bis zum Rhein hinunter führte, stehen heute Klinikbauten der Universität; auch das Wohnhaus ist integriert worden, in dem der französische Gesandte Barthelemy jahrelang wohnte, wo im sogenannten grünen Zimmer die Verhandlungen begannen, die zum Baseler Frieden mit Preußen führten. Auch der preußische Gesandte Graf von Hardenberg ging hier ein und aus, der französische „Geheimdienstchef“ Theobald Bacher bereitete hier den Austausch von Mrie Therese de Bourbon gegen hohe französische Offiziere vor.

Nicht weit davon entfernt sichten wir das ehemalige Rebersche Landgut, das damals vor der Stadtmauer lag. Im Gutshaus fand am 26.12. 1795 die offizielle Übergabe Marie Thereses an die österreichischen Behörden, vertreten durch Minister Degelmann, statt. Das Haus und die anderen Räumlichkeiten des Gutes sind moderner Bebauung zum Opfer gefallen. Man muss sie zwischen Rheinufer und Elsässerstrasse am nördlichen Rand des heutigen St.Johanns Parks, zwischen  Voltastraße und Jungstraße suchen. Das Gutshaus befand sich an der Elsässerstraße (Lücke zwischen Mühlhäuserstraße 40/42 und 48). Ab 1835 gehörte das Haus samt Landgut  Eduard His-La Roche, dem Sohn von Peter Ochs. Heute ist von all dem nichts übrig geblieben – außer der Erinnerung.

Wir verlassen Basel mit der Frage im Koffer: War es wirklich Marie Therese, die hier ausgetauscht wurde. Schon bei ihrer Ankunft in Wien gab es Gerüchte, dass die falsche Prinzessin in die Wiener Hofburg eingezogen war.
Unsere Fahrt geht weiter über Colmar und Straßburg. Colmar im Elsass: Kanäle durchziehen die Altstadt mit ihren romantischen Fachwerkhäusern. Gondeln wie in Venedig. Wir stehen in der Rue Pfeffel vor einem dreistöckigen Haus: „Wohnhaus des Dichters Pfeffel und Sitz seiner Militärschule.“ steht auf der steinernen Tafel unter seinem Bild. Aus dem oberen Fenster beobachtet uns eine weiße Katze. Wir sind die Einzigen, die sich für das Haus und seinen früheren Bewohner interessieren. Heute ist  Gottlieb Konrad Pfeffel (1736–1809) fast vergessen. Zur Zeit der französischen Revolution aber kannte jeder seine scharfsinnigen kritischen Texte:

Der Dachs

Zum Löwen sprach der Dachs: „Herr König, gib mir auch?Ein Amt an deinem Hof.“ „Empfehlen dich Talente?“ ?Versetzte der Monarch. „Sire“, sprach der Prätendente,? „Ein platter Kopf und dicker Bauch.“ (1796)

Auch seine Militärschule (1773–1793) war über die Grenzen Colmars hinaus berühmt. Wir schauen in den Hinterhof, wo ein Ziehbrunnen vergangene Romantik verbreitet.  Die Fantasie fügt die Schüler hinzu. Über 290 bekamen hier ihre Ausbildung, es war immerhin die Institution, die als Pendant zu der katholischen Militärschule in Paris protestantische Jugendliche auf die Offizierslaufbahn in der französischen Armee vorbereitete.

Straßburg, Sitz des europäischen Parlaments, empfängt uns mit Regen, das ideale Wetter für einen Besuch im Archiv zu Straßburg, wo es eine Ausstellung über die Könige und Prinzessinnen, die Straßburg in seiner langen Geschichte besucht haben, zu bewundern gibt. Am 7. Mai 1770 kam Marie Antoinette auf ihrem Weg von Wien zu ihrer Hochzeit mit dem zukünftigen Louis XVI. hier an. Eine Planskizze der Organisatoren zeigt das Boot in der Rheininsel, auf dem die Übergabe der Prinzessin stattfand. Die symbolische Grenze zwischen Österreich und Frankreich wurde durch eine Barriere mitten durch den zentralen Salon gekennzeichnet. „Die Erzherzogin hinterlässt ihre alte Kleidung, um die Kleidung anzulegen, die für Versailles vorgesehen ist, und wird so zu Madame la Dauphine“ heißt es im Plan. „Acte de Remise“ „Übergabe-Akt“ nannte sich das in der Diplomatensprache. Ihre österreichische Begleitung blieb hier zurück, der neue Hofstaat übernahm sie. Was Marie Antoinette dabei fühlte, interessierte niemanden. Man kann es nur ahnen. Jahre später wehrte sie sich, ihre Tochter Marie Therese ins Ausland zu verheiraten. Es würde sie nur unglücklich machen, sagte sie zu ihrer Hofdame. Da sprach wohl die eigene Erfahrung.

Bei einem ersten Spaziergang durch die Stadt faszinieren uns an den Fachwerkhäusern die kleinen gelben Schilder mit alten Hausnummern. Im Touristenbüro erstehen wir einen Stadtplan, der die erhaltenen Häuser den ehemaligen Besitzern bis ins Mittelalter zurück zuordnet. Wir entscheiden uns für den Spaziergang: „Straßburg im 18. Jahrhundert“.

Am Place de Broglie lagen die Häuser der deutschen Fürsten, die im 18. Jahrhundert Besitzungen im Elsass besaßen, wie die Fürsten von Hohenlohe-Bartensteins und die Landgrafen von Hessen-Darmstädter. Hier besuchte die spätere preußische Königin Luise 1788 zusammen mit ihrer Großmutter und ihrer Schwester Friederike ihre Tante Auguste von Hessen-Darmstadt, die Frau des Fürsten Max von Zweibrücken und Freundin Marie Antoinettes.  Gegenüber in dem breiten Gebäude, das heute eine Bank beherbergt, ist als eine von drei alten Gebäuden das Haus des damaligen Bürgermeisters de Dietrich aufgegangen. Eine Tafel weist daraufhin, dass hier im Hause des Bürgermeisters der Offizier Rouget de Lisle am 26.4.1792 zum ersten Mal die von ihm verfasste Marseillaise gesungen hat.

Nach einer Barkassenfahrt auf der die Altstadt umfließenden Ill spazieren wir am Ufer entlang. Am Quai des Bateliers besichtigen wir das Gasthaus „Zum Raben“ aus dem Ende des 16.Jahrhunderts. Schwarze Holzbalken, Laubengänge von Blumen überwachsen. Hier stiegen schon Friedrich der Große (1740) und Kaiser Joseph II. von Österreich (1777) ab.

Etwas weiter beginnt der Quai Saint-Nicolas. Hier befinden sich auch die Häuser alteingesessener Familien Straßburgs, auch das der  de Dietrichs (Nr. 20) und etwas weiter das Haus der Bankiersfamilie de Franck (Nr.7). Wir wandeln auf den Spuren der uns von unseren Recherchen in den Archiven altbekannten Menschen. Vieles erkennen wir wieder, weil es in den Memoiren der Zeitgenossen beschrieben wurde. Manche Zusammenhänge erschließen sich aber erst, wenn man sie vor Ort direkt vor Augen hat.

Zufrieden machen wir uns auf den Weg zurück nach Hause, im Koffer neu entdeckte Puzzleteile.

Mai 2011

Wir sind unterwegs auf Spurensuche im Hohenloher Land. Das Herrschaftsgebiet der verschiedenen Linien des Hauses Hohenlohe, eines fränkischen Adelsgeschlechtes, erstreckte sich über die später nach ihm benannte Hohenloher Ebene zwischen den Flüssen Kocher, Tauber und Jagst.

Der Stammsitz lag in Weikersheim südlich von Würzburg im nördlichen Teil der romantischen Straße. Das Renaissanceschloss liegt direkt am Marktplatz. Dahinter erstreckt sich der barocke Schlossgarten im Stil von Versailles. Neben dem Eingang zum Schloss befindet sich der Zugang zu den Schlosskellern. 1727 errichtete die Familie zu Hohenlohe ein Lustschlösschen auf dem Karlsberg, legte am Stückhang einen Weinberg an und baute drei Jahre später an der Straße nach Queckbronn eine Kelter, das heutige Gutsgebäude des Weingutes.

Eigentlich wollen wir nur den Barockgarten besichtigen, finden uns aber kurze Zeit später mitten in einer Weinprobe wieder. Rotwein und Roter Sekt im Bocksbeutel. Da können wir nur schwer widerstehen. Der Kellermeister stellt uns eine Sackkarre zur Verfügung, damit wir die gekauften Flaschen zum Auto transportieren können. Während ich noch mit dem Bezahlen beschäftigt bin, fährt mein 86 jähriger Vater mit begeistertem Schwung mit der Sackkarre davon. Als ich auf der Suche nach ihm auf den Marktplatz komme, wo weit und breit weder Vater noch Karre noch Wein zu sehen sind, ruft mir ein schon etwas angesäuselter Herr zu: „Der Typ mit der Karre ist da um die Ecke gefahren.“ Beim Auto finde ich dann alle drei wieder.

Weiter geht es nach Ingelfingen, wo wir im Schlosshotel zu Ingelfingen, bis 1805 Residenz des Hohenloher Fürsten, unser erstes Quartier nehmen. 1701 wurde das Schloss errichtet, das Hotel befindet sich im sog. Prinzessinnenbau, ursprünglich für die fürstlichen Töchter geplant.

An der Schlossstraße direkt neben dem Schloss befindet sich die ehemalige Hofapotheke, wo im 1. Stock vom Herbst 1803 bis zum Frühjahr 1804 die Dunkelgräfin mit ihrem Begleiter Van der Valck unter dem Schutz des Fürsten gewohnt hat.

Heute ist die Apotheke in einen Neubau ein paar Hundert Meter entfernt umgezogen. Wir wandern seitlich vorbei Richtung Schlosspark, der Anfang des 19.Jahrhunderts für die Öffentlichkeit geschlossen war. Hier zog die Dunkelgräfin unbehelligt ihre einsamen Kreise. Weiter gehen wir durch den Ort, bis wir bei der Kochertalkellerei landen. Hier werden wir erneut zu einer unverhofften Weinprobe eingeladen. Der vorzügliche Rotwein stammt aus dem Kochertal und nennt sich zu unserem Entzücken „Dunkelgräfinwein“.

Überhaupt begegnen wir der „Dunkelgräfin“ überall in Ingelfingen. In der Pension Nicklass kann man ein „Paket Dunkelgräfin“ buchen mit Dunkelgräfin-Cocktail und Dunkelgräfin-3-Gängemenu. Abends trinken wir einen Rotwein, der den Namen „Dunkelgraf“ trägt.

Am nächsten Morgen fahren wir zum Schloss Neuenstein. Die romantische Burg hat ihren Ursprung im 12. Jahrhundert, gelangte 1805 in den Besitz des Fürsten von Hohenlohe- Ingelfingen. Über eine Steinbrücke kommt man zum Tor, von dort in den Innenhof.  Man kann sich kaum einen stimmungsvolleren Ort für ein Archiv vorstellen, auch wenn man erst über eine steinerne Wendeltreppe etwas mühsam in den zweiten Stock hinaufklettern muss. Hier liegt das Hohenloher Zentralarchiv, eines der größten Privatarchive Deutschlands, wo u.a. ca. 18000 Pergamenturkunden aufbewahrt werden, die vorher in den Schlössern der Hohenloher in Bartenstein, Ingelfingen, Kirchberg, Langenburg, Neuenstein, Pfedelbach, Schillingsfürst, Schrotzberg, Waldenburg und Weickersheim gelagert waren.

Wir wühlen uns durch Briefe und Akten, stoßen auf den berühmten Brief aus dem Jahr 1804, in dem von der überstürzten Abreise des Dunkelgrafenpaares berichtet wird. Winzig kleine Puzzleteile fügen wir unserem Bild hinzu, den entscheidenden Durchbruch aber machen wir hier nicht.

Juli  2011

Für einen Tag fliege ich erneut nach Paris. Inzwischen habe ich die existierende Literatur über Marie Therese de Bourbon rauf und runter gelesen. In dem Buch eines französischen Historikers habe ich Hinweise auf Erpresserbriefe gefunden, die die Herzogin von Angouleme 18 Jahre lang von ihrer  ehemaligen Gouvernante Madame de Soucy, die sie 1795 nach Wien begleitet hat, erhalten hat. Und die Herzogin  hat gezahlt. Warum? Was hatte sie zu verbergen?

Wo liegen diese Erpresserbriefe? Ich brauche das Original. In den Archives Nationales de Paris gibt es das Archiv Mackau. Und die Madame de Soucy war eine geborene Mackau. Wenn ich Glück habe, finde ich den Beweis, nach dem seit 200 Jahren die Historiker suchen.

Beschwingt mache ich mich auf den Weg vom Hotel zum Archiv. Eine Menschentraube steht vor dem Eisentor, das fest verschlossen ist, obwohl sie eigentlich seit 10 Minuten geöffnet sein müsste. Fragend schaue ich die anderen an. Ältere Frauen und Männer, die Familienforschung betreiben, Studenten. Alle warten ,ohne eine Miene zu verziehen.
„Das war gestern auch schon so. Greve“
Das Wort kommt in meinem Französisch-Wortschatz nicht vor.
„Je ne comprends pas? Greve?“
„Les employés sont en grève“, versuchen mir die umstehenden Franzosen zu erklären.
Wie gesagt, dies Wort kam bis dahin nicht in meinem Wortschatz vor und schon gar nicht in meiner Zeitplanung.
„Die streiken“, erklärt mir eine deutsche Stimme, die einem jungen Mann aus Stuttgart gehört. „Das war gestern auch schon so.“
„Streiken??? Wieso streiken die? Das können die doch nicht machen!“
„Doch, das können sie. Die Gewerkschaften in Frankreich sind stark, die streiken ständig. Ich schreibe an meiner Doktorarbeit, bin seit drei Monaten hier. Man muss ein paar Wochen mehr einplanen. Und selbst wenn man am Ende reingelassen wird, heißt das nicht, dass Ihre Akten auch in der Ausleihe bereit liegen.“
Das kann nicht wahr sein! „Mein Flieger geht morgen zurück. Ich bin nur für einen Tag hier.“
Sein Blick zeigt Mitleid für so viel Naivität.

Den umstehenden Franzosen, von denen einige unsere Unterhaltung verstanden haben, ist es offenbar ziemlich peinlich, dass ihre Mitbürger so oft streiken. „Die Gewerkschaften… Da kann man nix machen…“ Einer schenkt mir seine Visitenkarte und bietet mir an, die Unterlagen durchzusehen, falls das Archiv heute nicht mehr aufmacht.
Alle halbe Stunde erscheint ein Abgesandter der Streikenden, um uns zu informieren, dass auch die nächste Stunde nicht geöffnet wird. Die Wartenden aus Paris ziehen ab, andere setzen sich ins nächste café. Ich dränge mich zum Gitter vor.

„Ich komme aus Deutschland extra für heute. Ich fliege morgen früh zurück. Was soll ich denn machen?“
Der Mann zuckt mit den Achseln. „Peut-etre dans 2 heures.“
„Und wenn nicht? Dann morgen?“
„Peut-etre!“
Vielleicht? Die ticken doch nicht richtig. Worum geht es überhaupt bei diesem Streik?
„Man will den Angestellten nicht mehr erlauben, die Rasenfläche im Innenhof  für ihre Pause zu benutzen“, erklärt der junge Mann aus Stuttgart.
„Was? Die legen den ganzen Betrieb lahm wegen einer Rasenfläche für die Frühstückspause?“ Wie sagte schon Obelix? Die spinnen, die Gallier!!

Ich rechne nach. Im günstigsten Fall bleiben mir 4 Stunden, falls sie jetzt noch öffnen. Falls! Ich rufe meinen Sohn in Berlin an, wie viel Geld es mich kosten würde, meinen Rückflug zu stornieren. In mir steigt Wut hoch.

Als der Mann mit der Streikbanderole am Arm das nächste Mal kommt, stelle ich mich mit verzweifelter Miene, die ich nicht mal spielen muss, ans Gitter. „Bitte, gibt es keine Möglichkeit, hineinzukommen? Ich bin extra deshalb hierhergekommen. 600 Euro hat mich das Ganze gekostet. Wer bezahlt mir das? Kann ich das hier beantragen?“
Der Mann geht und das Wunder, an das ich schon nicht mehr geglaubt habe, geschieht. Nach einer halben Stunde kehrt er zurück und öffnet das Tor. Die Wartenden, aus denen inzwischen eine Solidargemeinschaft geworden ist, strömen hinein. Bilde ich mir das nur ein oder mustern mich alle Angestellten tatsächlich mit extrem muffiger Miene. Stehe ich auf einer schwarzen Liste, weil sie wegen mir einen schönen Streiktag gegen einen immerhin nur noch halben Arbeitstag eintauschen mussten?

Egal. Hauptsache, ich kann endlich rein. Meine diesmal per Internet vorbestellten - ich mache Fortschritte-  Akten aus dem Archives Mackau, sind auch als Film da. Halleluja!

In Windeseile scrolle ich durch die Dokumente. 1833 Lettres de Madame de Soucy à la Duchesse de Angouleme. Da sind sie! Dann folgen die Briefe des Arztes, der im Auftrag der Gouvernante die Erpressung vorangetrieben hat. Auch sie kaum lesbar. Aber ich habe sie gefunden! Zehn Minuten bevor das Archiv schließt, gebe ich den Kopierauftrag ab. Die Briefe werden mir per Post als CD zugeschickt, sofern nicht wieder gestreikt wird.

Und dann beginnt eine Zitterpartie. Nach 6 Wochen erhalte ich endlich die Zahlungsaufforderung. Erst wenn das Geld eingetroffen ist, fangen sie in Paris an zu arbeiten. Mein Angebot, gleich bei der Bestellung zu zahlen, hatten sie abgelehnt. Sowas sahen die Vorschriften nicht vor.

Ende August halte ich endlich die CD in den Händen. Die Texte sind nur schwer lesbar. Der Arzt, der im Auftrag von Madame de Soucy die Erpressung übernommen hat, hat eine fürchterliche Handschrift. Von der Rückseite drückt die Tinte durch. Das Papier ist vergilbt. Auf dem Computer vergrößere ich die Buchstaben, bis sie aussehen, wie Legosteine. Ich drucke sie aus und hänge sie überall im Haus auf. Meine Familie übt sich in Toleranz.
Eine Bindehautendzündung wirft mich für Tage zurück. Und dann finde ich tatsächlich den entscheidenden Brief. Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort entziffere ich die Handschrift. Zunächst sieht die Übersetzung aus wie ein Flickenteppich, aber eine Lücke um die andere kann ich schließen. Schließlich habe ich den Text entziffert, den Brief, der die Lösung des 200 Jahre alten Rätsels enthält.

 

 

Hintergrund Stellungnahme

Stellungnahme zum MDR-Projekt 2014

Im Auftrag des MDR wurde im Rahmen eines wissenschaftlichen Projektes das Grab der „Dunkelgräfin“ geöffnet und dem darin gefundenen Leichnam Proben für eine DNA-Analyse entnommen. Außerdem wurde anhand des Schädels das Gesicht der Person rekonstruiert.

Die Ergebnisse sind für mich in zweierlei Hinsicht aufschlussreich: 
Fakt ist, dass die Untersuchung der DNA der Frau aus dem Grab ergeben hat, dass sie nicht Marie Therese de Bourbon ist.
Fakt ist aber auch, dass die Rekonstruktion des Gesichtes der Anthropologin nach dem gefundenen Schädel ein Gesicht ergeben hat, das keine Ähnlichkeit hat mit dem, was die Zeugen, die die Dunkelgräfin ohne Schleier gesehen haben, beschrieben haben. Wenn diese Zeugen ein Phantombild hätten anfertigen müssen, wäre niemals auch nur annähernd das Gesicht der Frau aus dem Grab herausgekommen.
Schlussfolgerung: Die Frau im Grab kann nicht mit der Frau identisch sein, die als „Dunkelgräfin“ seit 1807 in Hildburghausen/Eishausen  gelebt hat.  

Denn das würde voraussetzen, dass die Leiche, die man am 25.11.1837 dem hinzugezogenen Arzt, nicht etwa im Totenbett, sondern im Erdgeschoss des Schlosses, vorlegte, die echte „Dunkelgräfin“ gewesen wäre. Die aber kannte der hinzugezogene Arzt nicht, hatte sie noch nie gesehen, genauso wenig wie irgendeiner der anderen Offiziellen. Der Arzt schätzte sie auf ca. 60 Jahre, die Diener sagten, sie sei an Schwäche gestorben. Man hätte dem Arzt jede tote Frau vorlegen können, die in etwa so alt war, und immer hätte er der Aussage des Grafen glauben müssen.
„Keine Macht der Erde soll mir mein Geheimnis entreißen. Ich nehme es mit ins Grab“, hat der Graf gesagt. Und da stellt sich doch die Frage, ob Van der Valck 10 Meter vor der Zielgeraden, Gefahr laufen wollte, sein Lebenswerk zu gefährden, indem er die echte „Dunkelgräfin“ den Behörden übergibt, zumal ihre Ähnlichkeit mit Marie Therese ja von allen, die sie ohne Schleier gesehen hatten, verblüfft beobachtet worden war.
Er hatte Jahrzehnte Zeit, um sich auf den Fall ihres Todes vorzubereiten. Bis ins kleinste Detail hat er das Leben geplant und den Tod überlässt er dem Zufall? Das passt überhaupt nicht. Es bedarf keiner Hellseherei, um zu behaupten: Van der Valck hatte einen Plan, der das Geheimnis über den Tod der „Dunkelgräfin“ hinaus sicherte. (Genau so wie er sicher einen Plan hatte, was passieren sollte, wenn er vor der „Dunkelgräfin“ sterben würde. Und auch der musste so sein, dass niemand ihre Identität erfuhr. )
Außerdem muss man folgendes bedenken: Am 6.11.1836 starb Karl X. im Exil. Die Herzogin von Angouleme war damit Titularkönigin von Frankreich (bis 1844). Talleyrand, dem Van der Valck einen Eid geschworen hatte, starb erst 1838.
Das Gerücht, in Sachsen sei die Tochter Marie Antoinettes gestorben, ausgelöst durch die Ähnlichkeit der Leiche, hätte nicht zu unterschätzende Folgen gehabt. Die Herzogin von Angouleme wurde ja nicht umsonst bis zu ihrem Tod erpresst und bezahlte ein Vermögen an Schweigegeld.
Als die „Dunkelgräfin“ (übrigens hätte sie durchaus Monate vor dem offiziellen Datum sterben können, ohne dass man das in Hildburghausen bemerkt hätte!) starb, musste der Graf ein offizielles Begräbnis arrangieren. Was er ja auch tat: am Schulersberg. Alles schön nach den Vorschriften.
Van der Valck war bei der Beerdigung nicht dabei, angeblich, weil er sich nicht wohl fühlte. Oder vielleicht, weil er die richtige längst begraben hatte?
Bevor der Sarg im Grab versenkt wurde, öffnete der Diener „zu aller Überraschung“ noch einmal den Sarg und alle sahen die Frau, die dort gegraben lag. Ein bourbonischer Brauch soll das gewesen sein. Darum habe der Graf das verfügt. Wie dumm wäre das denn gewesen, wenn wirklich die echte „Dunkelgräfin“ im Sarg gelegen hätte? Da hat er all die Jahrzehnte sie einen Schleier tragen lassen, um ihr Gesicht zu verbergen und nun öffnet er ihn freiwillig ohne Not? Kaum vorzustellen. Sinn macht diese Handlung nur, wenn er gerade allen beweisen wollte: Schaut her, allen Gerüchten zum Trotz hat sie keine Ähnlichkeit.
Und wenn man sich das Gesicht anschaut, das die Anthropologin aus dem Schädel geschaffen hat, kommt man tatsächlich nicht auf so einen Gedanken. Unähnlicher geht es nicht. Aber was ist mit den Menschen, die die „Dunkelgräfin“ ohne Schleier sahen und unabhängig voneinander ohne die Geschichte einer Vertauschung zu kennen, spontan die Ähnlichkeit zu Marie Antoinette festgestellt haben, wie z.B. Geheimrat von Bibra, der Marie Antoinette persönlich gekannt hatte?
Fazit: Van der Valck hatte nicht nur ein Motiv/einen Auftrag, den er mit einem Eid beschworen hatte, (ihr Geheimnis bis in sein Grab zu schützen), sondern auch das Geld und die Diener (die alle königlich belohnt wurden), um den Behörden eine falsche Leiche auszuliefern.
Es bleiben nun zwei Fragen offen: und zwar unabhängig davon, ob man an die Vertauschung von Madame Royale glaubt oder nicht:

1. Wer war denn nun die Frau im Sarg?
2. Wo hat Van der Valck die echte „Dunkelgräfin“ beerdigt?
Ich hatte schon bei der Recherche mit meinem Vater in einem Archiv denen ich damals keine weitere Beachtung, auch aus Zeitgründen, geschenkt habe. Dem werde ich jetzt nachgehen und wer weiß, was am Ende noch herauskommen wird.
Jetzt wird es noch einmal richtig spannend.


Stellungnahme zu der Besprechung der von Richard Kühn herausgegebenen „Memoiren um die Titanen“ von Diana von Pappenheim und Jenny von Gustedt (Dresden, 2 Bde. 1932, Bd.1: 344S., Bd.2 424 S.) durch Philipp Losch in der Zeitschrift für die Kulturpflege des Bezirksverbandes Hessen „Hessenland“ (Heft 4, 1933. S.52–54)

Verfasser: Julius Seiters (Historiker)

Wenn man sich mit der Literatur über Diana von Pappenheim und ihre Aufenthalte in Straßburg, Weimar und Kassel auseinandersetzt, dann wundert man sich, dass obige Buchbesprechung von Philipp Losch die Wertung der Memoiren von Diana und Jenny bis heute bestimmt. Er kommt darin zu dem Ergebnis, dass sie nicht zuverlässig und glaubwürdig seien, vor allem dass Teile davon wie die Briefe und Aufzeichnungen der Friederike von Berlepsch Plagiate, wenn nicht „glatte Fälschungen“ seien.

Zunächst ist einem Historiker wohl die Frage erlaubt, ob knapp drei Seiten genügen, ein so vernichtendes Urteil über ein zweibändiges Werk von 768 Seiten zu fällen. Sicher kann man in einer Buchbesprechung nicht alle Aspekte einer Memoiren-Sammlung abhandeln; aber die angesprochenen Abschnitte des Textes müssten doch solide untersucht und belegt werden.

Sehen wir uns zunächst die Ausführungen von Philipp Losch zu der zweiten Tochter Dianas an: Pauline, Gräfin von Schönfeld:

I.

„Im 28.Bande des Hessenlandes von 1914 hat Joachim Kühn das bekannte Buch „Im Schatten der Titanen“ von Lily Braun kritisch untersucht und ist dabei zu dem Schluß gekommen, daß die Behauptung, Diana von Pappenheim habe zwei Kinder von Jerome gehabt (Jenny v. Pappenheim und Pauline Gräfin Schönfeld) nicht zutreffend sei. Die Gräfin Schönfeld sei vielmehr eine Tochter der Prinzessin Löwenstein. Dieser Aufsatz scheint dem Namensvetter Dr. Kühns Richard Kühn nicht bekannt zu sein, sonst hätte er wohl in den eben von ihm herausgegebenen „Memoiren um die Titanen von Diana v.Pappenheim und Jenny von Gustedt. Dresden, Reißner, 1932“ dazu Stellung genommen.

Das ist aber nicht geschehen, vielmehr zieht sich durch beide Bände dieser Memoiren die bestimmte Behauptung, die Gräfin Schönfeld sei ein Kind der Diana v. Pappenheim, sodaß man direkt stutzig wird. So heißt es z.B. in den Memoiren Dianas I, 23f: „Ein Jahr später trug ich wieder ein Kind von ihm unter dem Herzen… Bei seiner Flucht aus Kassel hatte er (Jerome) gerade noch Zeit, mich in … Schönfeld in Sicherheit zu bringen. Hier nahmen wir Abschied… Wir hatten verabredet, unserm Kind den Namen seiner Geburtsstätte zu geben. Daher nannte ich die Kleine Marie Pauline Gräfin von Schönfeld.“ Ähnlich wird die Sache in den Memoiren der Diana I, 103 erwähnt: „Als Jerome am 17.Oktober 1813 Kassel und Westfalen für immer verlassen wollte, fiel ihm ein, daß etwas Wichtiges vergessen wäre. Dieses Wichtige war ich. Im Schloß zu Schönfeld küßte er mich zum letztenmal… Georg v. Berlepsch gelang es, die Wünsche des Königs auch in bezug auf mich zu erfüllen“ usw. Über diesen edlen Ritter „Georg v. Berlepsch“ wird später noch zu reden sein. Das Kind müßte demnach Ende Oktober geboren sein. (1) Diana berichtet dann in ihren Memoiren, daß sie mit dem Kind nach Paris geht und es in einem Kloster unterbringt. In den Memoiren der Jenny v. Gustedt wird dieses Kind auch noch oft erwähnt, in Augsburg, Rom und Paris und stets als eine Schwester Jennys als Tochter der Diana von Pappenheim bezeichnet. Was ist nun richtig? Nach den ganz bestimmten Behauptungen der Memoiren kann man eigentlich keinen Augenblick zweifeln, daß die Gräfin Schönfeld wirklich ein Kind der Diana v. Pappenheim war. Wenn diese „Memoiren“ glaubwürdig und echt sind. Das ist aber eine große Frage.

(zu 1) Nach gütiger Mitteilung der Oberin des Klosters Des Oiseaux ist Pauline de Schoenfeld am 4.Oktober 1813 zu Kassel geboren. Den Namen „von Schönfeld“ hat Napoleon nach Masson (Napoleon et sa famille, 8,7) seinem Bruder für dessen Kind von der Prinzessin Löwenstein bewilligt. Daß die spätere Nonne dies Kind der Prinzessin Löwenstein gewesen sei, kann Dr.Joachim Kühn nach mir freundlichst gemachter Mitteilung nicht mehr aufrecht erhalten. Sicheres über Paulines Herkunft habe ich noch nicht feststellen können.“

Ein aufmerksamer Leser fragt sich, warum Losch dieses Kapitel überhaupt in die Buchbesprechung aufgenommen hat. Er zweifelt nicht daran, daß die Aussage in den Memoiren stimmt, dass Pauline eine Tochter Dianas von Jerome ist, bezweifelt aber gleichzeitig die Glaubwürdigkeit dieses Werkes. In der Anmerkung (1) lesen wir, dass die gegenteilige Aussage von Joachim Kühn „nicht mehr aufrecht erhalten“ wird. Und er selbst sagt dann: „Sicheres über Paulines Herkunft habe ich noch nicht feststellen können.“

Was bleibt also? Ein untauglicher Versuch, die Memoiren zu diskreditieren.

Dass Pauline, geb. 4.Oktober 1813 in Kassel, eine Tochter von  Diana und Jerome war, ist heute einhellige Meinung der Historiker.

II.

Die Kritik von Philipp Losch richtet sich insbesondere gegen „die Berlepsch-Episode“ der Memoiren, wie er sie nennt; sie steht auf  den Seiten 98-300 des ersten Bandes und enthält die Lebensbeschreibung eines jungen Ehepaares von ihrer Heirat über die Tätigkeiten am Hof von Jerome in Kassel und im Exil in Österreich und Italien.
Der Herausgeber hat aus den ihm zur Verfügung stehenden Unterlagen – Briefen, Berichten- diese Beschreibung zusammengestellt. Da die Hauptpersonen dort als Georg und Friederike von B. auftreten, hat er ihnen den Namen einer bekannten Adelsfamilie Hessens gegeben: von Berlepsch.

Ohne genaue Untersuchungen anzustellen, kommt Philipp Losch zu folgenden Urteilen (S. 53/54): „Noch mehr wird die hessische Familie von Berlepsch über den ritterlichen Georg von Berlepsch sich wundern und erstaunt sein, in dem neuen Memoirenwerk große Partien von Briefen und Aufzeichnungen einer Friederike von Berlepsch zu finden, die man ebenso wie ihren ritterlichen Gemahl in der Genealogie dieser Familie vergebens suchen wird.“
Losch meint, „daß dieser Georg und diese Friederike von Berlepsch vollständig erfunden sind“, „daß die ganze Berlepsch-Episode der Memoiren bereits in einem alten Buch stehet, das 1870 bei Brockhaus in Leipzig erschienen ist… Die Aufnahme ihrer Briefe und Aufzeichnungen in die `Memoiren um die Titanen` ist nichts wie ein Plagiat, wenn nicht eine glatte Fälschung. Damit dürfte das Urteil über die Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit dieser ‚Memoiren‘ gesprochen sein.“

Im Vorwort des „alten Buches“ aus dem Jahr 1870 (Hrsg. Ernestine von L (( das ist Henriette Freifrau Treusch von Buttlar-Braunfels, geb. von Bosse)): „König Jerome und seine Familie im Exil“ Leipzig) steht: „Unter den Papieren, die ich als teure Andenken verstorbener Freunde aufbewahre, waren mir stets die Tagebuchblätter der Frau von B. ein besonderes Vermächtnis.“ „Es spricht aus diesen einfachen, kunstlosen Aufzeichnungen soviel natürliche Anmut und wahre Herzensbildung, eine solche Wärme des Gefühls und Gesundheit des Urteils…!“ „Herr und Frau v. B. waren während einer Reihe von Jahren in der nächsten Umgebung des Exkönigs von Westphalen Jerome Napoleon und seiner Familie.“

Diese beiden Menschen waren zunächst am Hofe des Königs Jerome tätig, sie als Hoffräulein in untergeordneter Stellung, er als Oberstleutnant und Marechal de Logis, als Diana von Pappenheim dort zum engeren Hofstaat der Königin Katharina (von Württemberg) gehörte. Die Familien kannten sich gut, da sie beide vor den Toren Kassels ein Landhaus mit Garten besaßen. Als Friederike ihrem Mann nach Österreich folgte, schrieben sie sich Briefe. Nach Kühn ( S. XIV – XXI der Einleitung) deponierte Diana diese – schon weil sie an allem, was Jerome anging, interessiert war - in einer Schatulle.

Aus den in den Vorlagen vorkommenden Namen  „von B.“  machte Kühn die Familie „von Berlepsch“, wie andere übrigens auch. Warum er das tat, wissen wir nicht. Jedenfalls kannte er den Namen „von Bosse“, wie die jungen Leute tatsächlich hießen, nicht. Georg Bosse (1787-1860) war Artillerie-Offizier, hatte in Spanien gekämpft, wobei er verwundet wurde und einen Arm verlor. Er heiratet in Kassel Friederike Fulda (1789-1866), die Tochter des kurfürstlichen „Münzwardeins“  Dietrich Heinrich Fulda (1748-1841), der unter Jerome Münzdirektor geworden war, am 10.10.1811. Bereits am 19.9.1811 war er in den Adelsstand erhoben worden. Er war von 1815 bis 1829 Verwalter der Herrschaft Schönau bei Wien, wo die Familie Jeromes im Exil wohnte.

Dagegen kannte Kühn den Namen „von Berlepsch“ genau. Das war eine Adelsfamilie, die ihren Stammbaum bis ins Mittelalter zurückverfolgen konnte und über Hessen und Sachsen verstreut war. Sie hatte um 1800 herum intensive Beziehungen nach Weimar und Kassel gehabt, vor allem der Zweig, der auf Burg Berlepsch bei Witzenhausen (nahe Göttingen) beheimatet war. Dort lebte der Freiherr Friedrich Ludwig von Berlepsch (1749-1818), ein Jurist und Hofrat, mit seiner Frau Emilie Friederike, geb. von Oppeln (1757-1831; er war ein streitbarer Mann, der viele Prozesse für und später gegen den hannoverschen Staat führte.

Seine Frau war eine bekannte Schriftstellerin, die ein etwas unstetes Leben führte. Sie war befreundet mit Caroline von Goertz, Gemahlin des Grafen Johann  Eustach von Goertz, Prinzenerzieher und Diplomat in Weimar. Diese besuchte sie auch mehrmals zur Brunnenkur in Berlepsch, wo auf den Höhen um die Burg „acht heilige Quellen“  Sauerstoff armes Wasser bereithielten.  Die Familienverhältnisse auf der Burg waren aber etwas unübersichtlich; Emilie Friederike „schenkte“ ihrem Mann zwei Töchter und einen Sohn, der aber 1802 starb. Sie ließ sich 1795 scheiden; da hatte ihr Mann aber bereits mit seiner Geliebten Anna Dorothea Sievers (1767-1811), die vorher Kammerzofe bei seiner Frau war, drei Söhne gezeugt, sog. „Mantelkinder“, für die er aber erst nach dem Tod seines ehelichen Sohnes die Übertragung der Lehnsgüter erstritt.

Man vergleiche das vernichtende Urteil von Losch mit dem von Wencker-Wildberg, der meint: „Die in den Ausführungen von Richard Kühn herausgegebenen ‚Memoiren um dieTitanen‘ veröffentlichten Aufzeichnungen der Frau von Berlepsch sind wörtlich aus dem obengenannten Werk (Ernestine von L.) entnommen.“ „Wahrscheinlich handelt es sich um Auszüge, die Jenny von Gustedt seinerzeit aus dem Originalwerk gemacht hat.“

Das Abschreiben von Briefen war in den Jahrzehnten um 1800 üblich; in anderen Memoiren der Zeit, wie bei der Baroness d’Oberkirch und Annette von Rathmannshausen nachzulesen.

III.

Auf Seite 52/53 seiner  Besprechung stellt Philipp Losch einige Angaben bzw. Berichte aus den Memoiren zusammen, die er für falsch oder nicht bewiesen erklärt, andere, die er als zwar unkorrekt, aber „für Vorwürfe“ nicht geeignet hält. Er bezieht sich dabei auch auf das Vorwort des Herausgebers Kühn.

Dieser fand in Dianas schriftlichem Nachlass Tagebücher, kurze Aufzeichnungen, Briefe oder Abschriften von Briefen der Freundinnen und Freunde aus dem Umfeld des Weimarer Fürstenhauses und Goethes sowie des Königs Jerome von Westphalen, eines Bruders von Napoleon Bonaparte. Es war ja das „Goldene Zeitalter der Briefe und Tagebücher“.

„Auf den 100 Jährigen, heute vergilbten und zermürbten, vielfach von Stockflecken durchsetzten Blättern, in den zierlichen, stark verblassten und daher schwer leserlichen Schriftzügen hat ein ungemein reiches Leben seinen Niederschlag gefunden“, stellt Kühn fest.

Dabei hatte Diana von Pappenheim nie die Absicht, ein zusammenhängendes Werk zu schreiben, auch wohl nie – vor allem ihrer Familie und ihrer zweiten Ehe wegen - Teile ihres „Zettelkastens“ zu veröffentlichen. „Wir haben keine nach der zeitlichen Folge gegebenen Berichte vor uns, keine Auseinandersetzungen mit den Dingen und Erscheinungen des Tages, keine zusammenhängende Darstellung äußerer Abläufe.

Diana hat oft Jahre nach dem Ereignis, wenn sie von ihrer Umgebung darauf angesprochen wurde oder an Orten ihrer Jugendzeit weilte – ob in Straßburg, Weimar, Stammen oder Kassel – ihre Gedanken niedergeschrieben. Ein Beispiel dafür ist die Begegnung der Diana mit der Madame Royal, Marie Therese von Frankreich, in Straßburg, die Kühn uns berichtet mit seinen ungenauen Daten und Verschiebungen.

Carolin Philipps hat in ihrem Buch Die Dunkelgräfin darauf hingewiesen, dass Madame Royal durchaus in Straßburg gewesen sein kann. Diana kannte sie nur als Herzogin von Angouleme, denn von einem Tausch konnte sie nichts wissen. Aber die dort vorgetragenen Schilderungen der grausigen Erlebnisse beim Sturm auf die Tuillerien entsprechen durchaus der Wahrheit, wie Zeitzeugen in ihren Berichten schildern. Ob man die Begegnungen der beiden Frauen als „Jugendfreundschaft“ bezeichnen sollte, sei dahingestellt.

Auch die Behauptung, Goethe habe „eine leidenschaftliche Zuneigung zu Diana gefaßt“ und „sie an seinen Freund Pappenheim verheiratet“ , kreidet Losch nicht Diana selbst oder dem Herausgeber an, sondern dem Verlag, da er sie auf dem Umschlag des Buches findet. Bei Kühn (S.18) steht Dianas Formulierung: „Der Protektor unserer Ehe war Goethe und mein Mann war sein Freund.“ Auf jeden Fall hat Goethe sie gern gesehen und sich um sie gekümmert. (Vgl. Dianas Gemälde von Tischbein, das bei Goethe im Arbeitszimmer hing.)

Auf Seite 53 setzt sich Losch mit der Reise Dianas nach Paris, die sie nach ihrer Hochzeit mit ihrem Mann und ihrem Vater 1806 oder 1807 unternommen hat.  Er bezweifelt, wie aus seinen Formulierungen entnommen werden kann, dass das Ehepaar Pappenheim einen von Napoleon selbst unterschriebenen Reisepass erhielt, dass die Reisenden an einem Abend in der Oper Napoleon, Jerome und Kaiserin Josephine angetroffen haben und vom Kaiser empfangen wurden, (Theaterstück „Iphigenie“), und zwar in der „Königsloge“ (Man beachte die Anführungszeichen!). Schließlich meint er, dass Jerome zu der Zeit noch nicht König gewesen sei und „daß die bonarpartistischen Brüder während des Krieges … kaum in Paris waren.“

Diana schreibt in ihren Aufzeichnungen, dass sie wegen der Reise mitten im Krieg ihren Bruder Eduard einschalten möchte. Der war Adjutant bei Kaiser Napoleon (wurde später unter ihm General). Acht Tage später bekam sie den Reisepass, natürlich unterschrieben vom Kaiser selbst. In den Memoiren der Zeit kann man viele Beispiele finden, wo einflussreiche Männer diese Urkunden selbst ausstellten.

Auch der Empfang in der „Königsloge“, die nun mal seit dem Bau des Opernhauses so hieß, kann stattgefunden haben, wenn die Reise im Herbst 1807 durchgeführt wurde. Nach Ende Juli des Jahres waren Napoleon und Jerome in Paris (Hochzeit Jeromes mit Katharina von Württemberg: 22.8. Ziviltrauung, 28.8. kirchliche Trauung). Napoleon hatte viele „Haupt- und Staatsaktionen“ in Paris und Umgebung, der Hof lebte in St. Cloud, vom 6-16.9 im Schloss Rambouillet, vom 21.9-16,11. im umgebauten Schloss Fontainebleau, wo ein „üppiges Hofleben“  zelebriert wurde. In dieser Zeit fanden 18 Theaterabende statt (12 Tragödien, auch Glucks Oper „Iphigenie en Aulis“). Erst Ende November verließ Napoleon Paris zu einer vierwöchigen Inspektionsreise nach Italien.

Napoleon kannte zudem sowohl Gottfried Baron Waldner-Freundstein, den Vater Dianas von Pappenheim, der häufig in der französischen Hauptstadt war, als auch Dianas Mann. Pappenheim hatte Frankreich ein Jahr lang bereist, war „Herzog Carl Augusts“ Spezialist für französische Kontakte, war in Weimar sogar mehrere Male mit Napoleon zusammengetroffen.

Noch ein Wort zu Jeromes Titel „König“, den Diana benutzt. Nach den Abkommen Napoleons mit Russland und Preußen Anfang Juli 1807 war klar, „Russland erkannte die napoleonische Neuordnung Europas an, den Rheinbund, Joseph Bonaparte als König von Neapel, Louis Bonaparte als König von Holland und Jerome Bonaparte als König von Westphalen. Von da an konnte Jerome den Titel „König“ führen!

Leider hat Kühn die Fahrt nach Paris mit einer anderen Geschichte verquickt, die so nicht stimmen kann: Pappenheims Vater Christoph Friedrich, geb. zu Kassel 1713, war bereits im August 1770 gestorben; er war verheiratet seit 1749 mit Anna Dubos du Thil, geb. 1726 zu Braunfels. Aber auch sie war im März 1796 zu Stammen verstorben, deshalb konnten Diana und ihr Mann sie dort nicht mehr antreffen. Ob hier eine Verwechslung mit anderen Personen der Verwandtschaft vorliegt oder ob es sich um einen Bericht ihres Mannes aus seiner Jugendzeit handelt, muss offen belieben.

IV.

In meiner kritischen Untersuchung ist. so hoffe ich, deutlich geworden, dass eine Bejahung oder Ablehnung von Memoiren oder Autobiographien „größere Vorsicht und ein spezielles Wissen um ihre besonderen Entstehungsbedingungen erfordert. Für das Ende des 18. Jahrhunderts und die Napoleonische wie Goethe - Zeit sind diese Gattungen enorm wichtig – auch für die Geschichtsschreibung - geworden. So bejahen viele Wissenschaftler die Verwendung von Autobiographien und Memoiren ausdrücklich; sie haben aber „noch kein griffiges und etabliertes System für den Umgang mit Memoiren in der Geschichtsforschung gefunden.“

Die Memoiren (Denkwürdigkeiten)  bestehen oft aus Erinnerungen lange vergangener Erlebnisse. Das kann zu „Anzweiflungen der Authentizität“ führen. Das Gedächtnis ist manchmal lückenhaft; „Ereignisse werden vergessen, verdrängt oder umgedeutet…Doch nichtsdestotrotz ist es legitim, Memoiren als historische Quellen heranzuziehen“, da sie neben historischen Daten, die überprüft werden müssen, insbesondere Informationen über die „Lebenswelt“ bestimmter Gruppen oder Schichten und über kulturelle Praktiken gewähren. „Ebenso wie Tagebücher oder Briefe ermöglichen Lebenserinnerungen, wie kaum eine andere Quelle, Innenansichten vom alltäglichen Zusammenleben der Menschen.“

Es ist also zu fordern, dass man einmal bei Memoiren wie bei anderen Quellen fragt, „wie sie entstanden sind, was die Absicht des Autors war, was er wissen konnte und für wen der Text geschrieben wurde.“ Zum anderen sind die Ergebnisse der Forschung in Parallelbereichen zu berücksichtigen, wie z.B. der oral history, „der Gewinnung eines historischen Bildes mit Hilfe der Auskünfte noch lebender Zeugen.“Auch auf die Diskussion über die Bedeutung historischer Romane für die Geschichtsschreibung möchte ich hinweisen. „In der Forschung ‚Erinnerung und Krieg‘ wird immer wieder die Schlüsselstellung von Romanen für die Herausbildung des kulturellen Gedächtnisses betont“, meint Maria Schultz. „Sie haben neben ihrem unbestrittenen Unterhaltungswert die Funktion, einem breiten Leserkreis Werte und Normen, Geschichtsbilder sowie Identitäten zu vermitteln.“

Fassen wir zusammen:

Das Wort „Memoiren“ kommt vom lat. memoria: Gedächtnis. Wenn jemand seine Memoiren aufschreibt, gibt er als Zeitzeuge seine ganz persönliche Sicht von historischen Ereignissen, die er selber erlebt oder von denen er aus erster Hand gehört hat.

Ein Historiker, der nach der historischen Wahrheit sucht, kann diese Memoiren als eines von vielen subjektiv gefärbten Puzzleteilen benutzen, um mit Hilfe von möglichst vielen anderen Perspektiven, ergänzt durch zweifelsfreie Fakten, ein objektives Bild zu erstellen.

Der Historiker muss dabei überprüfen, inwieweit der jeweilige Memoirenschreiber  aufgrund seines Bildungsstandes, seiner Orts- und Personenkenntnisse, der Nähe zum Ereignis u.ä. der historischen Wahrheit nahe kommen konnte, um entscheiden zu können, in welchem Ausmaß er die Memoiren zur Findung der historischen Wahrheit einbeziehen kann.

Die Texte von Jenny von Pappenheim (später Jenny von Gustedt) halten einer sorgfältigen Prüfung nach den obigen Kriterien stand und können somit  ohne Bedenken in wissenschaftliche Arbeiten übernommen werden, wie das Detlev Jena bereits 1999 getan hat (vgl. Anhang).

Anhang:

I.

Die folgenden  Zitate stammen aus: Detlev Jena. Maria Pawlowna. Großherzogin an Weimars Musenhof. Regensburg 1999:
1 „Den Sommer verbrachten Maria und Carl Friedrich im Schloß und Park von Wilhelmsthal bei Eisenach. Das Ritual wiederholte sich in fast jedem Jahr, und die Erinnerungen des Hoffräuleins Jenny von Pappenheim (der späteren Frau von Gustedt) waren zeitlos: ‚Die Sommer in Wilhelmsthal sind mir in freundlicher Erinnerungen. Dort in der herrlichen Luft und reizenden Umgebung schien alles Unnatürliche von selbst abzufallen. Wir vergnügten uns mit heiteren Spielen, besonders das Federballspielen war sehr beliebt, machten Spaziergänge, lasen und schrieben entweder im Schatten der schönen alten Bäume oder in unseren einfach-ländlichen Stübchen…‘ “ (S. 237)
2 „Das Hoffräulein Jenny von Pappenheim faßte Jahre später den Übergang zur Großherzoginnenwürde so zusammen: „Maria Pawlowna fühlte sich in ihrer neuen Stellung hoch erhaben und nur Gott gegenüber verantwortlich. Für sich selbst aber war sie demütig und anspruchslos; ihr ganzes Leben, Wirken und Sein gipfelte in der fürstlichen Pflicht des Beglückens. Sie übte die größte Strenge gegen sich; jede Stunde ihres bis zur Ermüdung ausgefüllten Tages hatte eine Wohltat oder eine Pflicht zum Ziel…“ (258)

Literaturverzeichnis

Behschnitt, Wolf. Die französische Revolution. Stuttgart 1978
Braun, Lily. Im Schatten der Titanen. Stuttgart 1917
Burmeister, Helmut (Hrsg.). König Lustig und der Reformstaat Westphalen. Hofgeismar 2006. darin: Wieden, Peter. Jerome Bonaparte. Im Schatten der Titanen. S. 43-72 (Wieden I). Wieden, Peter. Die Geliebte des Königs – Diana von Pappenheim am westphälischen Hof. S. 95-124 (Wieden II). Köttelwesch, Sabine. Katharina, Königin von Westphalen. 1783-1835. S. 73-94
Ernestine von L. (Hrsg.) König Jerome und seine Familie im Exil. Briefe und Aufzeichnungen. Leipzig 1870
Herre, Franz. Napoleon Bonaparte, eine Biographie. Regensburg 2003
Jena, Detlef. Maria Pawlowna. Großherzogin an Weimars Musenhof. Regensburg 1999
König Lustik, Jerome Bonaparte und der Modellstaat Königreich Westphalen. Hessische Landesausstellung 2008. München 2008. Darin: Schultz, Maria. „Morgen wieder lustik.“ Die Erinnerungen an Jerome Bonaparte und das Königreich Westphalen 1813-1945. S. 169-175.
Kretschmann, Lily von. Aus Goethes Freundeskreis. Erinnerungen der Baronin Lily von Gustedt. Braunschweig 1892
Kühn, Joachim. Drei westphälische Töchter des Königs Jerome. In: Hessenland 28/1914 Nr.19-21
Kühn, Richard. Königin von Preußen. Aufzeichnungen aus ihrer Freundschaft mit Jenny von Gustedt. Dresden 1935  
Leerhoff, Heiko. Friedrich Ludwig von Berlepsch - Hofrichter, Land- und Schatzrat, Publizist. Hildesheim 1970
Leithold, Norbert. Graf Goertz, der große Unbekannte. Eine Entdeckungsreise in die Goethezeit. Berlin 2010
Lienhard, Friedrich. Oberlin. Roman aus der Revolutionszeit im Elsass. Stuttgart o.J.
Lienhard, Friedrich u.a. (Hrsg). Der Elsässische Garten. Straßburg 1912
Losch, Philipp. * Geschichte des Kurfürstentums Hessen 1803-1866. Marburg 1922, Neudruck 1972
* Kurfürst Wilhelm I. Landgraf von Hessen. Marburg 1923
* Schönfeld. Leipzig 1913
Mémoires de la Baronesse d’Oberkirch sur la Cour de Louis XVI. et la societé francaise avant 1789. (Hsg. Susanne Burkhard. Mercure de France. 1970/89
Philipps, Carolin. * Luise. Die Königin und ihre Geschwister. München  2011 (I)
*Die Dunkelgräfin. München 2012 (II)
Rathmannshausen, Anette von. Lettres de la baronesse de Gerando. Paris 1880
Tümmler, Hans. Ernst August von Gersdorff. Weimars Reformminister der Goethe-Zeit. Köln 1980
Wencker-Wildberg, Friedrich. Das Haus Napoleon. Geschichte eines Geschlechts. Stuttgart 1939
Werthern, Gräfin Elisabeth. Von Weimar nach Bonn. Stuttgart 1985

Sonderbereich Memoiren

Erll, Astrid. Kollektives Gedächtnis und Erinnerungen. Stuttgart 2005
Geiselmann, Christian. Memoiren als Quelle. In: Politisches Leben in der bulgarischen Dorfgesellschaft 1919-44, S.8-15. Digital Osteuropa Bibliothek 2002.
Langer, Daniela. Autobiographie. Handbuch Literaturwissenschaft. Methoden und Theorien. Bd.2. Darmstadt 2007
Neumann, Bernd. Identität und Rollenzwang. Zur Theorie der Autobiographie. Frankfurt 1970
Nora, Pierre. Zwischen Geschichte und Gedächtnis. Frankfurt 1998
Oexle, Otto Gerhard (Hrsg). Memoria als Kultur. Göttingen 1995
Solodjankin, Irene. Memoiren von Rußlanddeutschen. Mainz 2010
Stephan, Anke. Erinnertes Leben, Autobiographien, Memoiren, Oral-History-Interviews als historische Quellen. 6.5.2010. Digitales Handbuch zur Geschichte und Kultur Rußlands und Osteuropas

Hintergrund


Ihre Bücher Die Königin und ihre Geschwister

ISBN 978-3-492-25854-8

Januar 2010 bei Piper

Luise. Die Königin und ihre Geschwister

Über Königin Luise wurde bereits unzählige Male geschrieben, die große Bedeutung ihrer Geschwister aber ist bislang nicht beachtet worden. Dabei war der Rückhalt durch diese Gemeinschaft das einzig Beständige für Königin Luise in einer sich auf beängstigende Weise verändernden Welt:

Sechs Geschwister, sechs Karrieren, in einer Zeit, in der Napoleon die alte Ordnung durcheinander wirbelte und die Geschwister zeitweilig über ganz Mitteleuropa zerstreute. Wochen- manchmal monatelang waren Briefe die einzige Verbindung zwischen ihnen. Und doch verband die Geschwister, die Luise einmal als 6-blättriges Kleeblatt bezeichnete, eine lebenslange Freundschaft, die sich gerade in Krisensituationen immer wieder bewährte. Nach dem großen Erfolg von „Friederike von Preußen. Die leidenschaftliche Schwester der Königin Luise“ (Piper 2007) porträtiert Carolin Philipps Buch erstmals auch alle fünf Geschwister: Therese von Thurn und Taxis, Charlotte von Hildburghausen, Friederike, Königin von Hannover, Großfürst Georg von Mecklenburg-Strelitz und Carl, Präsident des preußischen Staatsrats zu Berlin.

Carolin Philipps hat dafür vier Jahre lang in den Archiven von Schwerin, Hildburghausen, Regensburg, Pattensen und Berlin die Briefe der Geschwister gesichtet, bisher unentdeckte Briefe und Materialien gefunden und zum ersten Mal ausgewertet.

„Wenn ich mich so recht in ihrem Anschauen verliere, … dann schwöre ich Dir, wird mir’s oft zu Muthe, als dürfte ich nur den äußeren Saum ihres Gewandes küssen – und wäre ich Katholik, schon jetzt bey ihren Lebzeiten würde ich gläubig  ausrufen: ‚Heilige Luise bitte für mich!‘“

Dies schrieb Georg, der Bruder der preußischen Königin Luise, im April 1810 an seine älteste Schwester Charlotte und drückte damit seine übergroße Verehrung aus.1 Als Engel und als Heilige, als Aphrodite, Königin der Schönheit und der Liebe, als Herbe, Königin der Jugend, als Vorbild aller Frauen für Tugend und Sanftmut, als Muster alles Edlen und Schönen: Schon zu Lebzeiten wurde Königin Luise in den höchsten Tönen bewundert und gepriesen. Jung und alt, Studenten, Diplomaten und Dichter, Frauen und Männer gerieten gleichermaßen ins Schwärmen, wenn sie von ihr sprachen.

Die kritischen Stimmen, die es auch gab, wurden verdrängt, einfach ignoriert. Sie passten nicht in das ideale Bild, das man sich von dieser Frau gemacht hatte. Napoleon, der sie mit Helena verglich, die durch ihre Schönheit und ihr unkluges Verhalten den Trojanern den Tod gebracht hatte, unterstellte man fanatischen Hass auf die preußische Königin, ohne zu berücksichtigen, dass Luise selbst diese Äußerungen durch ihre hassgetränkten Briefe ausgelöst hatte. Der preußische Reformer Freiherr vom Stein bescheinigte ihr mangelnde Bildung und war in diesem Punkt einer Meinung mit ihrem Ehemann Friedrich Wilhelm III., der zwar ihren Naturverstand liebte und lobte und ihre Meinung schätzte, ihr aber die Intelligenz, den Fleiß und das Durchhaltevermögen absprach, um sich erfolgreich fortbilden zu können.

Seit ihrem Tod vor 200 Jahren hat sich jede Generation ein eigenes Bild von ihr gestaltet, hat sie für ihre Zwecke nutzbar gemacht und benutzt. Königin Luise als Schutzgeist im Befreiungskampf gegen Napoleon, als Kämpferin für eine deutsche Nation, Königin Luise auf Servietten und Trinkbechern. Der Mythos Luise hat die Menschen zu allen Zeiten mehr beschäftigt als der lebendige Mensch, der dahinter steckte. Sie sei glücklich verheiratet gewesen, heißt es zum Beispiel. War sie das tatsächlich? Und wenn ja, um welchen Preis? Sie selber schreibt, dass ihr Leben „Opfer und Aufopferung“ war.

Will man erfahren, welche Frau hinter dem Mythos Luise steht, kommt man an ihren Geschwistern nicht vorbei: Charlotte von Sachsen-Hildburghausen, Therese von Thurn und Taxis, Friederike, Königin von Hannover, Großherzog Georg von Mecklenburg-Strelitz, Herzog Karl zu Mecklenburg-Strelitz. Als sechsblättriges Kleeblatt haben sie sich selber bezeichnet. Das Kleeblatt mit vier Blättern war schon im Mittelalter ein Glückszeichen, sollte Schutz gegen Unglück aller Art bieten, hier steht es mit seinen sechs Blättern symbolhaft für die tiefe Verbundenheit der Geschwister. Zerstreut über Europa, getrennt durch die Wirren der napoleonischen Kriege ist es ihnen dennoch gelungen, den engen Kontakt untereinander zu erhalten. Möglich wurde dies durch Tausende von Briefen, die oft auf abenteuerlichen Wegen quer durch Europa ihren Weg suchen mussten.

„Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit
Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.
Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
in dem die Zeiten sich bespiegeln.“

ließ schon Goethe seinen Faust zu Wagner sagen. Um das Buch der Vergangenheit zu öffnen und dem Geist der Zeit, den Gefühlen und Gedanken der damals lebenden Menschen näher zu kommen, muss man in die Archive gehen. In Schwerin, Berlin, Regensburg, Pattensen, Altenburg und Braunfels liegt ein großer Teil der noch unveröffentlichten Briefe, die sich die Geschwister schrieben.

Einer von ihnen wurde 1841 von Luises Schwester Friederike an Luises Sohn Friedrich Wilhelm von Preußen geschrieben.2 Friederike war krank und ahnte vielleicht schon das nahe Ende, sie starb fünf Monate später. In dem Brief bittet sie ihren Neffen um „die Zurückgabe meiner Briefe an Deine geliebte Mama“. Sie habe schon die Briefe an seinen Vater, den König, zurückerhalten. Man habe ihr gesagt, „sie seyen, mit allen anderen Familien Briefen, in dem Königlichen Hausarchiv niedergelegt. So sicher nun auch diese Ehrenstelle für unsere Zeit ist, so gestehe ich doch, dass der Gedanke, eine so vertraute Correspondence könne auf die Nachwelt kommen und durch irgendeinen gefälligen Papiernarren oder Archiv-Forscher, wenn auch erst in hundert Jahren, gedruckt erscheinen, mir höchst unangenehm war.“ Auch ihre Schwester Therese, mit der sie besorgt die Forschungen in einem englischen Archiv verfolgt hatte, bat noch kurz vor ihrem Tod, Friederike möge dafür sorgen, dass auch ihre Briefe an Luise zurückgesandt wurden.

Das Lesen dieses Briefes ließ mich sehr nachdenklich zurück. Ich wusste, dass auch Luises brieflicher Nachlass nach dem Tod Friedrich Wilhelms aus ähnlichen Überlegungen heraus vernichtet worden war. Mit welchem Recht ignorierte ich diese Wünsche nach Erhalt der Privatsphäre?

Mit fiel nur ein Rechtfertigungsgrund ein: die Suche nach der Wahrheit. Schon einmal hatte ich im Archiv zu Schwerin Geheimpapiere entdeckt, in denen Luise die Geschichte der geheimen Liebe ihrer Schwester Friederike so gut versteckte, dass die Gerüchteküche ihr bis heute den Ruf einer „untugendhaften“ und „unzüchtigen“ Frau anhängen konnte, was Luise zutiefst entsetzt hätte, da sie ja genau das vermeiden wollte. Nur mithilfe dieser Briefe konnte ich den Versuch starten, den Ruf Friederikes wiederherzustellen.3

Und so hoffe ich auch diesmal, dass es mir gelingt, durch eine Kombination der Geschwisterbriefe unter Einbeziehung der noch unveröffentlichten Briefe, die bislang unbeachtet in den Archiven verstaubten, der Wahrheit ein wenig näherzukommen und so vielleicht die eine oder andere jahrhunderte alte Behauptung über die sechs Geschwister in das Reich der haltlosen Gerüchte zu verweisen.

Luise. Die Königin und ihre Geschwister ist eine Reise auf den Spuren einer Familie, von der Luise schrieb: „Meine wahre und aufrichtige Anhänglichkeit an meine ganze Familie ist der Art, daß ich nicht ganz glücklich sein kann, wenn ich sie nicht alle glücklich weiß.“

Hintergrund


Ihre Bücher Die leidenschaftliche Schwester der Königin Luise

ISBN 978-492-05126-2

Januar 2007 bei Piper

Friederike von Preußen. Die leidenschaftliche Schwester der Königin Luise

Nach 150 Jahren wiederentdeckt - die geheimen Briefe um Friederike von Preußen. Mit der Entdeckung von bisher unbekannten Geheimpapieren um Friederike von Preußen ist Carolin Philipps eine Sensation gelungen: Erstmals offenbaren diese Briefe ein Geheimnis, das Königin Luise von Preußen mit allen Mitteln zu wahren suchte. Denn tatsächlich ahnt niemand, wie turbulent das Leben ihrer Schwester, Friederike von Mecklenburg-Strelitz (1778–1841), verlaufen wird, als die 15-jährige Prinzessin den jüngeren Sohn Friedrich Wilhelms II., Ludwig von Preußen, heiratet. Verbotene Liebesverhältnisse, aufgelöste Verlobungen, drei Ehen, eine Scheidung. „Galanteste Löwin des Jahrhunderts“ oder „sündige Friederike“ haben Zeitgenossen die unkonventionelle Schwester Luises genannt. Doch wer war sie wirklich?

„Es gibt hier nur drei Personen, die informiert sind, und niemand muß jemals die Wahrheit herausfinden.“

Die Vorkehrungen, die die preußische Königin Luise 1799 traf, um ihre Schwester Friederike vor gesellschaftlicher Ächtung zu bewahren, sollten das Geheimnis um die leidenschaftliche Beziehung zu einem nicht standesgemäßen Prinzen, ihre Schwangerschaft und die heimliche Hochzeit für immer bewahren.

Und so war mir ein wenig unwohl zumute, als ich die geheimen Papiere des Herzoghauses Mecklenburg-Strelitz im Landeshauptarchiv Schwerin in der Hand hielt. Hätten die beiden Schwestern, vor allem Luise, gewollt, dass ich dieses Buch schreibe, in dem zum ersten Mal ihre Briefe aus den im Archiv zu Schwerin entdeckten Geheimpapieren veröffentlicht werden und so die Ereignisse jenes Jahres neu beleuchten?

„Jeder will sie haben, wer sie sieht, ist in sie verliebt“, notierte die Oberhofmeisterin Gräfin Voss auf gewohnt bissige Weise in ihrem Tagebuch und brachte damit erneut ihr Missfallen gegenüber Friederike, der jüngeren Schwester Ihrer Majestät, der Königin Luise von Preußen, zum Ausdruck.

Und genau so wurde Friederike 200 Jahre lang gesehen. „Galanteste Löwin des Jahrhunderts“, der die Männer scharenweise zu Füßen lagen, „Sünderin“, „unzüchtige Friederike“, „tugendlos“: Das sind nur einige Attribute, die das Bild dieser Frau bis in unsere Zeit hinein prägen.

Bei den Damen galt Friederike als kokett und jedem Flirt zugeneigt. Ihr Schwager, der preußische König Friedrich Wilhelm III., formulierte es so: „Sie hatte … viel Grazie und, wie man sagt, séduisantes (Verführerisches).“ Und der Dichter Jean Paul schrieb an einen Freund, dass er gerne mit ihr „in einem Kohlebergwerk hausen“ möchte, „dürfte ich ihren Galan da vorstellen“.

Tatsächlich war sie dreimal verheiratet, einmal geschieden. Und die vielen Geliebten, die man ihr andichtete – vom österreichischen Staatskanzler Metternich bis hin zu Herzog Adolf von Cambridge –, zählten zu den prominentesten Persönlichkeiten des Zeitgeschehens.

Bis in unsere Tage hat sich das Bild einer Frau erhalten, die – von ihren Leidenschaften getrieben – in ihrer Jugend viele Tabus verletzt haben soll – schließlich sogar auf Veranlassung des preußischen Königs wegen eines vor der Hochzeit gezeugten Kindes mit einem nicht standesgemäßen Prinzen vom Hof in die Provinz verbannt wurde.

Friederike war sich bewusst, dass „diese einzige Handlung vielleicht ein Glas der Vergessenheit auf meine sonst vorher so untadelige Aufführung werfen wird; indessen muß ich hoffen, daß nach Jahren, und nach einer weit längeren Reihe von Jahren, als ich sie schon durchlebt habe, ein untadeliger Wandel auch hierüber die Schale der Vergessenheit ausleeren wird.“

Diese Hoffnung war vergebens. Vergebens, weil sich niemand wirklich auf die Suche gemacht hat, um die wahre Persönlichkeit dieser Frau zu entdecken, die sich hinter all den tradierten Klischees versteckt.

„Ich habe immer das Glück gesucht und ersehnt zu lieben und geliebt zu werden“, schrieb sie 1799 mit 21 Jahren, wohl wissend, dass das Streben nach dem persönlichen Glück nicht als Hauptaufgabe einer Frau um 1800 betrachtet wurde. Von einer Frau wurden Pflichterfüllung und das Zurückstecken der eigenen Ansprüche erwartet – und unter diesen Geboten, die Friederike gewissenhaft befolgte, stand sicher ein wichtiger Teil ihres Lebens.

Doch ihr Anspruch an das Leben ging darüber hinaus, denn sie hat gegen alle Konventionen auch ihre Sehnsucht nach Glück, Liebe und Leidenschaft gelebt: „Wie stark die Gewalt der Liebe … und wie haltbar die Fesseln …, wenn es wahre Leidenschaft ist“, schrieb sie im Januar 1799 an ihren Vater.

Und vielleicht spricht aus ihren Kritikern, die sich zu ihrer Zeit mehr aus Frauen, heute pikanterweise mehr aus männlichen Autoren zusammensetzen, auch ein wenig Neid auf die konsequente Art, in der Friederike ohne Rücksicht auf die Meinung anderer ihre Suche nach Glück und Liebe verfolgte.

War ihre Suche erfolgreich? Hat sie Liebe und Glück am Ende gefunden oder hat sie ihre Sehnsucht mit ins Grab genommen? Das waren die Fragen, die mich drei Jahre lang durch die Archive führten und in Schlösser und Museen zwischen Berlin und Karlsbad begleiteten.

Die Wahrheit ist auf diese Weise ans Licht gekommen – gegen den Plan von Königin Luise. Aber vielleicht geht gerade dadurch ihr größter Wunsch in Erfüllung, dass die Schatten auf der Ehre ihrer Schwester nun endgültig verschwinden werden.

Die Geschichte meiner Recherchen zu diesem Buch sind in das Buch integriert worden. Ein kleiner Vorgeschmack kommt hier:

Pattensen, 10. März 2004

Aktenberge türmen sich vor mir auf. Stapelweise eng beschriebene Seiten, einige gut lesbar, die meisten Zeilen je nach Stimmung des Schreibers einfach nur aufs Blatt geworfen. Altdeutsche Buchstaben, die das Entziffern mühsam machen.

Wieder einmal sitze ich im Leseraum des Archivs in Pattensen, einer Außenstelle des Hannoverschen Hauptstaatsarchivs. Hier lagern Dokumente aus den letzten Jahrhunderten über die königliche Familie von Hannover – offizielle und ganz private, die nur mit einer Sondergenehmigung des jeweiligen Oberhaupts der Familie eingesehen werden dürfen: Heiratsurkunden, Predigten zu Konfirmationen und Beerdigungen, Haushaltsbücher, Rechnungen und Briefe, Briefe und nochmals Briefe.

Liebe, Hass, Trauer, Angst, Freude und Leid – die ganze Palette menschlichen Lebens, reduziert auf einige Kubikmeter beschriebenes Papier, zum Teil Jahrhunderte alt: der trockene Extrakt aus Schicksalen und Lebenswegen, nach Signaturen sortiert und jederzeit abrufbar für jeden.

Und nun sitze ich hier – um mich herum Personen, meist ältere, die sich ebenfalls durch Aktenberge wühlen, eine große Lupe in der Hand, den Laptop neben sich: moderne Technik in einem Ambiente, dessen Luft nach Staub und Moder schmeckt. Die meisten suchen nach Informationen über ihre Vorfahren, wollen Licht in dunkle Kapitel ihrer Familiengeschichte bringen.

Und was tue ich? Ich versuche einer Frau näher zu kommen, von deren Existenz ich bis vor einem halben Jahr noch nichts gewusst habe.

Ein Zeitungsartikel brachte mich auf ihre Spur: die Rezension eines Buches über die preußische Königin Luise. Luise, um deren Leben sich seit ihrem frühen Tod 1810 ein wahrer Kult gebildet hat. Luise, die tugendhafte, vorbildliche Mutter – nicht nur ihrer Kinder, nein, der ganzen preußischen Nation. Und ihrem Ehemann, Friedrich Wilhelm III., eine liebevolle, pflichtbewusste Frau.

Als ich dann in der Nationalgalerie in Berlin vor der Doppelstatue der beiden Schwestern Luise und Friederike stand, zog mich nicht die berühmte preußische Königin, sondern die jüngere Friederike in ihren Bann. Warum hat das 19. Jahrhundert die eine zur tugendhaften, alles überstrahlenden Frau, zum Vorbild für Generationen gemacht – die andere dagegen zum negativen Gegenpol, ja, zur „Sünderin“?

Während die Literatur über Luise ganze Bücherregale füllt, ist ihre Schwester, da sie nicht als Vorbild geeignet schien, für die Historiker und Schriftsteller uninteressant geblieben.

Und genau da erwachte mein Interesse. Einige behaupten, ich würde mich per se mehr für Menschen mit dunklen Seiten erwärmen, für die, die auf Umwegen zum Ziel kommen, als für die, die den geraden, direkten Weg gehen. Mag sein. Das Gerade, allzu Tugendhafte ist selten von Reiz.

Seit Stunden blättere ich in den Papieren, löse die Bindfäden, die die Aktendeckel zusammenhalten, und wühle mich durch immer neue Stapel. Wenn ich nur wüsste, wo ich ansetzen kann, zumal hier in Pattensen vor allem Akten der späteren Lebensabschnitte von Friederike liegen.

Während ich zunehmend mutloser werde angesichts der staubigen, vergilbten Akten, bringt der Archivangestellte einen neuen Stapel herein. Ich sehe ihn etwas entsetzt an. Er zuckt mit den Schultern. „Das sind alles Ihre Bestellungen.“

Aktendeckel an Aktendeckel, Bindfaden an Bindfaden. Doch dann entdecke ich ganz unten auf dem Wagen eine Schachtel. Endlich keine Akte!

Vorsichtig öffne ich sie. Sie ist gefüllt mit kleinen, aus vergilbtem Schreibpapier gefalteten Briefchen. Ich falte eins nach dem anderen auseinander.

Im ersten finde ich eine blonde Locke. Auf der Innenseite des Papiers steht in Friederikes Handschrift: „Locke von Georgs Vorderhaar, an seinem 10. Geburtstag.“

Ein leichtes Gruseln überfällt mich. Die Haare sehen so frisch aus, als hätte man sie gerade abgeschnitten. Es ist ein Unterschied, ob man einen Brief liest, der vor 150 Jahren geschrieben wurde, oder eine Locke in der Hand hält, die eine Mutter ihrem Sohn zur Erinnerung an seinen Geburtstag abgeschnitten hat.

Ich finde noch mehr Locken, außerdem Blüten, die sie gepflückt, getrocknet und sorgfältig etikettiert hat. Erinnerungen an ein intensives Familienleben.

„Ich liebe dich, Mama. Dein Sohn Georg.“ Erste Schreibversuche ihres Sohnes in einer krakeligen Kinderhandschrift, liebevoll gefaltet und aufbewahrt.

Ich denke an das Holzkästchen im Regal meines Arbeitszimmers, in dem ich ebenfalls die ersten Schreibergüsse meiner Kinder gesammelt habe. Ein erster Funke springt über von Mutter zu Mutter.

Und dann eine weiße Locke. In einer anderen Handschrift, die ich als die ihres dritten Mannes Ernst August, König von Hannover, identifiziere, steht auf dem Papier geschrieben: Haar Friederike, abgeschnitten am 29.6.1841. Ihr Todestag.

Immer mehr weiße Locken. Alle paar Stunden hat er ein Stück von ihrem Haar abgeschnitten. Wie verzweifelt muss er gewesen sein! Als Letztes ein grau-weißer Haarzopf. 30.6.1841. Am Tag nach ihrem Tod.

Ernst August hat die Trauerkleidung nie wieder abgelegt. Alle Briefe, die er nach ihrem Tod schrieb, hatten einen schwarzen Trauerrand.

Friederike wollte lieben und geliebt werden. War ihr das nach zwei vergeblichen Anläufen in ihrer dritten Ehe geglückt? Hat sie das Glück am Ende gefunden?

Ein weiterer gefalteter Brief. Diesmal keine Locken. Ringe! Friederikes Ringe, die ihr auf dem Totenbett abgenommen wurden.

Ich stecke sie an meine Finger. Nur einer passt. Sie hatte kleinere Finger als ich. Ich will die Ringe an meiner Hand spüren.

Ein magischer Moment, der abrupt unterbrochen wird. Ein Archivmitarbeiter hat über die Videokamera beobachtet, was ich mit den Ringen Ihrer Majestät mache. Fürchtet er, dass ich sie entwenden könnte?

Er kommt zu mir, teilt mir mit, dass Ringe oder ähnliche Andenken nicht im Findbuch des Archivs katalogisiert sind, also gar nicht an mich hätten ausgegeben werden dürfen. Seit 100 Jahren habe wohl niemand mehr diese Ringe in der Hand gehabt. Er müsse sie mir jetzt wieder wegnehmen.

Sorgfältig streife ich die Ringe von meinen Fingern, lege sie behutsam zurück und überreiche ihm die Schachtel mit dem vollständigen Inhalt.

Ich brauche sie nicht mehr. Ich habe gefunden, wonach ich gesucht habe.

Hintergrund


Ihre Bücher Caroline Mathilde von Dänemark

ISBN 3-8000-3936-2

Januar 2003 bei Ueberreuter

Zwischen Krone und Leidenschaft. Caroline Mathilde von Dänemark

Ihr Bruder, der englische König, verheiratete sie als 15jährige gegen ihren Willen mit dem geisteskranken König Christian von Dänemark. Ihr Mann stellte sie vor dem ganzen Hofstaat bloß und zeigte sich mit seiner Geliebten ungeniert in aller Öffentlichkeit. Ihr Geliebter, Minister Struensee, verriet sie durch ein kompromittierendes Geständnis um seine eigene Haut zu retten. Caroline Mathilde von Dänemark ein Leben wie ein Roman.



Ihre Bücher only

ISBN 978-3-7641-7040-0

März 2016 bei Ueberreuter

For your eyes only

Lilly ist überglücklich: Endlich ist sie mit Jannis zusammengekommen! Doch sie macht sich große Sorgen, als Jannis kurz darauf mit seiner Abschlussklasse nach Mallorca fährt. Denn mit dabei ist Jannis´ Exfreundin Jenifer, die Jannis um jeden Preis zurückgewinnen möchte. Um das zu verhindern, trifft Lilly eine folgenschwere Entscheidung: Sie schickt ihm sexy Fotos von sich. Sie ahnt nicht dass die Nacktfotos ihr Leben für immer verändern…



Ihre Bücher und ihrer Familie geht es gut.

ISBN 978-3-85197-825-4

März 2016 bei Obelisk

Talitha und ihrer Familie geht es gut.

Talitha und ihrer Familie geht es gut. Sie leben in einem großen Haus in Damaskus, der Vater arbeitet als Arzt im Krankenhaus, ihre beiden Brüder und sie gehen in eine Privatschule. Bis der Bürgerkrieg auch ihre Familie erreicht.

Ein Bruder stirbt durch eine Autobombe, Talitha wird vom Geheimdienst verhaftet und verhört. Mit ihren Eltern und ihrem jüngsten Bruder flieht sie von Syrien über das Meer und die Balkanroute bis nach Europa. Nach zwei Monaten kommt sie über Wien alleine in Deutschland an. Ihre Familie hat sie unterwegs verloren...



Ihre Bücher für dich, Baby

ISBN 978-3-764-17011-0

März 2014 bei Ueberreuter

Heute leider kein Foto für dich, Baby

Pia und Leon – ein rotes Metallherz am Brückengeländer symbolisiert ihre Liebe. Alles ungetrübt? Leider nicht, denn Pia kommt plötzlich auf die verrückte Idee, an einem Castingwettbewerb teilzunehmen. Pia, die Fußballerin, auf dem Catwalk? Leon ist eifersüchtig – und geht selbst zum Casting. Unerkannt wirbelt er die Glitzerwelt der Mode auf und gehört schnell zu den besten fünf Models, neben Pia. Doch während der Konkurrenzkampf immer härter wird, sind Pias Gedanken abgelenkt. Sie erfährt, warum ihre Mutter, die als Model vor einer Traumkarriere stand, wirklich starb…



Ihre Bücher  für mein Leben

ISBN 978-3-800-05720-7

März 2013 bei Ueberreuter

Du zahlst den Preis für mein Leben

Weihnachten 2004. In Indonesien verwüstet ein Tsunami die gesamte Küstenregion. Nica, die mit ihren Eltern dort Urlaub gemacht hat, überlebt die Katastrophe im Gegensatz zu ihrem Vater. Eine indonesische Familie kümmert sich um sie und hilft ihr dabei, ihre Mutter wiederzufinden. Nica gewinnt durch dieses Erlebnis ein zweites Paar Eltern, nennt sie „Babak“ und „Ibu“ (Vater und Mutter). Die Kinder Kali und Riani sind für Nica wie ihr Bruder und ihre Schwester. Auch nach der Rückkehr nach Deutschland halten die Familien engen Kontakt.

Als Babak und Ibu Jahre später mit Kali nach Deutschland übersiedeln, ist die Freude groß. Doch wo ist Riani? Nica bekommt keine Antwort auf ihre Fragen. Da macht sie sich selber auf die Suche und entdeckt ein furchtbares Geheimnis…



Ihre Bücher  Mia

ISBN 978-3-86760-155-9

Juni 2012 bei Hase und Igel

Planet Mia

Finn ist die Sache von Anfang an ein wenig unheimlich: Er steht Schmiere, während seine Freunde Benny und Kurt alten Damen auf dem Friedhof die Handtaschen klauen. Richtig brenzlig wird es für ihn, als ausgerechnet Mia zur Zeugin eines solchen Überfalls wird. Mia ist Asperger-Autistin, in ihrer Welt gibt es keine Lügen. Und so erzählt sie der Polizei auch bereitwillig alles, was sie gesehen hat …



Ihre Bücher und Streuselkuchen

ISBN 3-8000-2455-1

Januar 1996 bei Ueberreuter

Milchkaffee und Streuselkuchen

Sammy, der zehnjährige Sohn äthiopischer Einwanderer, wird bei einem Brandanschlag durch Jugendliche an der Hand verletzt. Jetzt kann er beim Musikwettbewerb seiner Klasse nicht Klavier spielen. Alle denken, dass sich Boris, der Sammy nicht leiden kann, weil er ihm den Platz als Klassenbester streitig macht, ungeheuer freuen wird. Denn nun kann Boris an Sammys  Stelle die wichtige Klavierrolle übernehmen.

Aber dann kommt alles ganz anders…

Unser Weg

„Mit viel Feinfühlungsvermögen geht die Autorin an das aktuelle Problem der Fremdenfeindlichkeit heran.“

Esslinger Zeitung

„Eine Geschichte darüber, dass es gar nicht viel Mut braucht, etwas gegen Fremdenfeindlichkeit zu tun.“



Ihre Bücher Wenn aus Fremden Freunde werden

ISBN 978-3-401-02737-1

Januar 2001 bei Ueberreuter

Mai-Linh — Wenn aus Fremden Freunde werden

Nur weil Dennis keinen Reis mag, muss er Mai-Linh noch lange nicht als „Reisfresser“ beschimpfen. Findet Mai-Linh. Als sie aber eines Tages nach Hause kommt, ist eben dieses Wort in großen roten Buchstaben quer über ihre Wohnungstür geschmiert worden. Und das ist erst der Anfang… Mai-Linh verdächtigt natürlich sofort Dennis. Aber was soll sie tun? Ihre Eltern haben schon genug andere Sorgen. Also beschließt sie, selbst mit Dennis fertig zu werden. Doch dann kommt alles anders als geplant…



Ihre Bücher beißen nicht

ISBN 978-3-86760-090-3

bei Hase und Igel

Fledermäuse beißen nicht

Moritz interessiert sich nicht für die seltsamen Aktionen seines Bruders. Sein Herz schlägt für Fledermäuse, eine Leidenschaft, die auch das chinesische Mädchen Hua aus seiner Nachbarklasse teilt. Dann aber passieren Dinge, die Moritz nachdenklich machen: Im Urlaub auf Teneriffa lernt er einen Jungen kennen, der aus Afrika geflüchtet ist und abgeschoben werden soll. Und auf einmal begreift er, was mit seinem Bruder los ist und bekommt furchtbare Angst um Hua…



Ihre Bücher

ISBN 978-3-86760-010-1

bei Hase und Igel

Die Mutprobe

Mit ihrer Ratte Sina auf dem Schoß sitzt Kristina am Fenster und schaut sehnsüchtig hinaus. Sie darf die Wohnung nicht verlassen, weil ihre Mutter Angst hat, sie würde auf der Straße falsche Freunde finden. Kristina langweilt sich furchtbar, bis eines Tages Tobias, der Boss einer Sprayerbande, vor ihrer Tür steht. Von nun an hat die Langeweile keinen Platz mehr in Kristinas Leben, bis etwas Furchtbares passiert, das ihr Leben für immer verändert…



Ihre Bücher unter Druck

ISBN 978-3-86760-028-6

bei Hase und Igel

Martin unter Druck

Einmal ein großer Star sein! Wer träumt nicht davon? Niemand ist diesem Ziel näher als Martin, das große Fußballtalent. Aber für wichtige Spiele wird er nur freigestellt, wenn die schulischen Leistungen stimmen… Martins Situation spitzt sich dramatisch zu, als er heimlich an die Tasche des Klassenlehrers geht, um die Aufgaben für die Mathearbeit einzusehen. Ausgerechnet Mandy, die Anführerin einer Mädchenbande, erwischt ihn dabei…



Ihre Bücher Streberladen

ISBN 978-3-86760-045-3

bei Hase und Igel

Caesars Streberladen

Ein „Streberladen“ für den Verkauf von Hausaufgaben und Referaten? Julius, genannt „Cäsar“, ist von der verrückten Idee seiner Mutter zunächst alles andere als begeistert. Er soll für seine Mitschüler arbeiten, die keine Gelegenheit auslassen, ihn zu ärgern und als „Streber“ zu beschimpfen? Andererseits braucht Julius dringend Geld für sein neues Hobby, das Skateboardfahren…



Ihre Bücher hat keine Ahnung

ISBN 3-8000-2499-3

Januar 1997 bei Ueberreuter

Wer lacht, hat keine Ahnung

Als Laura erfährt, dass ihre Mutter nicht lesen und schreiben kann, ist das ein Schock für sie. Alle in der Klasse wissen davon, weil Lauras Mutter den Kurs für Analphabeten besucht, den Sarahs Mutter leitet. Über jede schlechte Note hat Lauras Mutter geschimpft und selber hat sie nicht mal einen Schulabschluss! Laura ist wütend. Sie schämt sich, weil ihre Mitschüler sie verspotten. Eine Erwachsene, die nicht mal das Einfachste auf der Welt kann: lesen! Nur Markus, der sie bisher kaum beachtet hat, hält zu ihr. Mit ihm kann sie über alles reden, denn seine Mutter hatte das gleiche Problem. Aber wird Laura jemals verstehen können, wie mutig es von ihrer Mutter ist, noch einmal von vorne anzufangen und lesen zu lernen?



Ihre Bücher wohnen überall

ISBN 978-3-8000-5210-3

Januar 2006 bei Ueberreuter

Träume wohnen überall

Sandale (15) lebt in Bukarest auf der Straße. Tagsüber geht sie am Bahnhof betteln, nachts schläft sie in der Kanalisation. Nur in der Sozialstation St. Lazarus findet sie hin und wieder für ein paar Tage Zuflucht - vor dem Hunger, der Gewalt, den Drogen und der Prostitution. Als sie am Bahnhof einem deutschen Jungen den Rucksack klaut, denkt sie sich nichts dabei, schließlich muss sie klauen, um zu überleben. Aber dann trifft sie diesen Jungen ausgerechnet im St. Lazarus wieder…

GEW

„Ein Buch, das für Kinder und Jugendliche eine Welt aufzeigt, die ihnen fremd ist. Sie werden dankbar, wenn sie den Überlebenskampf dieser Kinder mit verfolgen und lernen nachzufragen und nichts mehr als selbstverständlich anzusehen. So ist dieses Buch auch als Klassenlesestoff sehr gut geeignet.“

„Der Prinz im roten Mantel“, so nennen ihn die Kinder vom Bahnhof in Bukarest/Rumänien. Ein Prinz von 14 Jahren, der seit seinem 7. Lebensjahr mit seinen beiden jüngeren Geschwistern am Bahnhof lebt. Er findet sein Essen in Mülltonnen oder er bettelt, er schläft im Winter in der unterirdischen Kanalisation neben den riesigen Heizungsrohren. Den roten Mantel hat er auch in einer Mülltonne gefunden.
„Der Prinz im roten Mantel“, der von sich sagte, dass er keine Träume mehr habe, stand am Anfang meiner ganz persönlichen Geschichte mit den Straßenkindern. Als ich vor einem Jahr die Anfrage des Verlages bekam, ob ich nicht ein Buch über diese Kinder schreiben wollte, schickte man mir ein Photo des Jungen mit. Vier Monate später wa ich mit meinem Sohn in Bukarest, denn um eine Geschichte zu schreiben, musste ich diese Kinder näher kennen lernen.

Wir lebten mit ihnen eine Woche lang auf der Sozialstation St. Lazarus, wir aßen gemeinsam und verbrachten so manchen Abend mit ihnen. Wir erlebten sie, wie sie abends verdreckt und müde vom Bahnhof kamen und wie sie kurze Zeit später lustige Lieder sangen und sich gegenseitig Witze erzählten. Lebensfreude und Hoffnungslosigkeit, Offenheit und Misstrauen, Lachen und Weinen. Tage voller Gegensätze.

Der Prinz ist nur eines ca. 3000 Kindern und Jugendlichen, die in Bukarest dauerhaft oder vorübergehend auf der Straße leben, in Rumänien insgesamt sind es 6.000, weltweit etwa 33 Millionen, vor allem in den Städten. Auch in so genannten „reichen“ Ländern wie Deutschland leben nach Schätzungen ca. 9000 Kinder und Jugendliche auf der Straße, davon 10–15 % dauerhaft.

Abgesehen von Kriegsgebieten leben die wenigsten Kinder auf der Straße, weil sie keine Eltern mehr haben, sondern weil sie das Leben zu Hause mit Eltern, die alkoholabhängig sind und sie ständig misshandelt haben, nicht mehr aushielten. Ihr neues Zuhause sind die unterirdischen Abwasser- und Heizungsschächte, Parks und Hauseingänge, wo sie zugedeckt mit Pappen und alten Decken ihre Nächte verbringen.

Kaum eines dieser Kinder geht zur Schule, sie brauchen ihre Zeit um zu überleben. Sie betteln, stehlen, durchsuchen die Mülltonnen nach Essbarem oder verkaufen ihren Körper. Manche verdienen sich ein wenig Geld durch Gelegenheitsarbeiten, wie das Waschen von Autos oder das Einweisen auf Parkplätzen.
Um den Hunger und die Sorgen zu vergessen, nehmen sie Drogen: Klebstoff oder Lösungsmittel, die sie aus kleinen Tüten schnüffeln. Obwohl sie wissen, dass sie ihre Augen, ihre Lungen und ihr Gehirn damit schädigen, können sie nicht aufhören. Die Sehsucht, ihre Probleme zu vergessen, ist größer.

Viele Kinder und Jugendliche schließen sich in Banden, einer Art Ersatzfamilie, zusammen, weil ihnen das ein gewisses Maß an Sicherheit gibt, denn Gewalt und Misshandlungen gehören auch hier zu ihrem täglichen Leben.

Je länger sie obdachlos sind, desto schwieriger wird es, sie wieder in einer Familie oder einem Heim unterzubringen. Bei allen Schwierigkeiten, die sie auf der Straße haben, lieben sie ihre Freiheit und es fällt ihnen sehr schwer, sich wieder an Regeln zu gewöhnen. Manche schaffen es gar nicht mehr.

So wie mein Prinz. Die ganze Zeit in Bukarest war ich auf der Suche. Ich wollte ihn sehen, ihn fragen, ob er immer noch keine Träume hat. Inzwischen wusste ich, dass das Photo, das ich gesehen hatte, 7 Jahre alt war. Der Prinz musste also inzwischen 21 sein. Am Tag vor meinem Rückflug ging ich ein letztes Mal mit den Sozialarbeitern zum Bahnhof und dort traf ich ihn.

Er winkte uns fröhlich zu und als wir näher kamen, sahen wir, dass sein linker Arm notdürftig verbunden war. Wir konnten die blutigen Wunden sehen, wo er sich selber am Abend zuvor den Arm aufgeschnitten hatte. Auch an seinem Bein waren tiefe Schnittwunden. Die Polizei hatte das Matratzenlager hinter dem Bahnhof, auf dem er mit seinen Freunden im Sommer schlief, aufgelöst und vor Wut hatte er sich mit dem Messer geschnitten. „Man kann erst aufhören, wenn der Schmerz größer ist als die Wut.“, erzählte er uns. Die meisten Kinder vom Bahnhof haben Narben an Armen und Beinen oder am Bauch.

„Der Prinz mit dem roten Mantel“, der ihm längst zu klein geworden ist, träumt von einem ganz normalen Leben als Bäcker. Er möchte eine Familie und ein Haus haben und viele Tiere, erzählte er uns.
Aber als er mich anschaute, sah ich in seinen rot unterlaufenden Augen, dass der Aurolac, die giftigen Dämpfe des billigen Lösungsmittels aus dem Baumarkt, seinen Körper und seinen Verstand bereits angegriffen hatten. Seine Träume würde niemals Wirklichkeit werden. Das wusste ich in diesem Moment und er wusste es auch.

Aber was er selber nicht mehr schaffen wird, das versucht er zumindest für andere. Immer wieder bringt er kleine Kinder, die täglich neu an den Bahnhof kommen, zur Sozialstation, damit wenigstens sie das schaffen können, was es für ihn nicht mehr geben wird: ein Leben weit weg vom Bahnhof, in einer Familie und einem Haus mit vielen Tieren.

Hintergrund


Ihre Bücher im Gelben Fluss

ISBN 978-3-8000-5104-5

Januar 2004 bei Ueberreuter

Weiße Blüten im Gelben Fluss

„Es war Liebe auf den ersten Blick“, hatte ihre Mutter erzählt, und es war gerade dieser Teil der ganzen Geschichte, den Lea so liebte. „ Wir sahen dich und wussten, dass wir dich wollten.“

Alles Lüge?

Lea wurde als Baby von ihren deutschen Eltern adoptiert. Als sie für die Schülerzeitung zum Thema Ein-Kind-Familie in China und den damit verbundenen Morden an weiblichen Neugeborenen  forscht, findet sie heraus, dass sie selber als Baby von ihrer leiblichen Mutter verschenkt wurde. Wut, Verzweiflung, aber auch Neugier treiben Lea nach China, um ihre leibliche Mutter zu finden und zur Rede zu stellen… 

Die Geschichte handelt von der Suche nach Identität und von Versöhnung.

Im Mittelpunkt steht Lea, ein 15 Jähriges Mädchen chinesischer Abstammung, das seit ihrem 2. Lebensjahr bei Adoptiveltern in Deutschland lebt. Sie ist auf der Suche nach ihren Wurzeln, interessiert sich für alles, was mit chinesischer Kultur zu tun hat und natürlich für ihre eigene Geschichte, von der sie nur weiß, dass ihre Adoptiveltern sie in einem Waisenhaus in Peking gefunden haben.

Während einer Recherche für die Schülerzeitung zum Thema Ein-Kind-Familie in China findet sie heraus, dass sie selber als Baby von ihrer eigenen Mutter an Fremde verschenkt wurde, weil sie ein Mädchen war und die Familie einen männlichen Erben brauchte. Wut, Enttäuschung, Verzweiflung, aber auch Neugier führen Lea auf die Spur ihrer Familie in China, mit dem Ziel, ihre Mutter zur Rede zu stellen.

Es gelingt ihr tatsächlich ihre Mutter zu finden. Sie erfährt außerdem, dass die Mutter ihr, dadurch dass sie sie verschenkt hat, das Leben rettete. Andere neugeborene Mädchen, unter anderem ihre ältere Schwester, wurden von den Dorfbewohnern getötet. Verstehen, warum das alles passiert ist, kann Lea auch nach der Begegnung mit ihrer Mutter kaum, zu verschieden sind die Welten, in denen beide leben. Aber sie kann ihr zumindest verzeihen, weil sie weiß, dass die Mutter, gefangen in ihrer Welt, keine andere Chance gesehen hatte, um ihre Tochter zu retten.

Und so endet die Geschichte versöhnlich am Ufer des Gelben Flusses, wo Mutter und Tochter gemeinsam weiße Blüten in den Fluss streuen, zur Erinnerung an die anderen neugeborenen Mädchen, die hier sterben mussten.

Hintergrund


Ihre Bücher der Tränen

ISBN 978-3-8000-5345-2

Januar 2007 bei Ueberreuter

Der Baum der Tränen

„Coyote“ nennen sich die Schlepper, die Flüchtlinge wie Luca von Mexiko aus durch die lebensgefährliche Wüste ins gelobte Land Amerika bringen. Luca schlägt sich dann bis nach Los Angeles alleine durch, wo ein Teil seiner Familie lebt. Hier gilt er als illegal und muss ständig mit der Angst leben, dass die Migrationspolizei ihn entdeckt. Eines Tages werden seine Mutter und seine Tante aufgegriffen und abgeschoben. Luca steht vor der schweren Entscheidung, in Amerika zu bleiben oder seiner Mutter zurück nach Mexiko zu folgen…

Leseprobe des ersten Kapitels

„Wenn du auf deinem Weg Leichen oder menschliche Überreste gesehen hast, dann ruf uns an und gib uns so genau wie möglich die Fundstelle durch, denn jeder Mensch hat das Recht auf ein würdiges Begräbnis. Dieses Telefonat kostet dich nichts. fon: 866-376-3010.“
Luca las den Aufruf der internationalen Menschenrechtskommission ein zweites Mal durch. Dabei presste er seinen Rucksack ganz fest an sich.
Ein würdiges Begräbnis? Er stellte sich vor, wie die Leute von der Kommission nach seinem Anruf mit einem Jeep durch die Wüste fuhren, hinter der zweiten Düne nach dem soundsovielten Busch anhielten und mit Schaufeln anfingen zu graben.
Viel würden sie nicht mehr finden, außerdem konnte er den genauen Ort des Grabes nicht einmal angeben. Das konnte nur sein Bruder Emilio und der würde sich lieber die Zunge abbeißen, als ein zweites Mal von dem Toten in der Wüste zu erzählen.
Luca stand vor der Pinnwand im Innenhof des Casa del Migrante in Tijuana, wo er seit Wochen Unterschlupf gefunden hatte, und studierte die unterschiedlichsten Flugblätter, die dort angeheftet waren.
„Wenn du die Grenze zu den USA überquerst, riskierst du dein Leben!“, warnte ein Faltblatt der mexikanischen Regierung.
Dass es in der Wüste am Tag mehr als 35 Grad heiß werden konnte und man in der Nacht bei 5 Grad fror, das alles wusste Luca aus eigener Erfahrung. Auch dass man ausgeraubt werden konnte, hatte er selber erlebt und über die Führer, die einen angeblich sicher über die Grenze bringen, hätte er eine eigene Geschichte erzählen können. Dagegen waren die Schlangen und Skorpione noch harmlos, denn die griffen nur an, wenn man sie ärgerte.
„In den letzten zehn Jahren sind mehr als 3500 Mexikaner beim Versuch, die Grenze zu den USA illegal zu überqueren, gestorben.“ warnte die Regierung weiter.
Einer von ihnen war Lucas Vater, aber wahrscheinlich gehörte der eher zu den vielen Toten, die niemand auf eine Liste geschrieben hatte.
„Willst du nicht auch eine Suchanzeige aufgeben?“
Luca fuhr erschrocken zusammen, als Benito plötzlich neben ihm stand und mit dem Finger auf die vielen Zettel an der Pinnwand zeigte, auf denen Angehörige und Freunde nach vermissten Familienangehörigen suchten. Luca mochte Benito, der in der Küche des casas arbeitete. Er gehörte zu den sechs Freiwilligen, die für ein Jahr im casa del migrante halfen.
„Ich dachte, dein Vater und dein Bruder sind auch vermisst.“
„Sie sind tot.“ sagte Luca und presste seinen Rucksack fest an sich.
„Woher weißt du das so genau? Denk an Bernado, den haben auch alle für tot gehalten. Und dann hat jemand sein Bild hier gesehen. Jetzt weiß seine Familie wenigstens, dass er gesund und munter in Los Angeles lebt. Er hat es auf die andere Seite geschafft.“
„Ich weiß, dass sie tot sind. Meinen Vater habe ich gesehen und mein Bruder… der ist auch gestorben… für mich jedenfalls.“
Benito sah Luca bei diesen letzten Worten verwundert an, aber da Luca nicht der Einzige hier im Casa war, der eine böse Erinnerung mit sich herum schleppte, ohne darüber reden zu können, ging er ohne ein weiteres Wort in die Küche zurück, um das Abendessen vorzubereiten.
Luca setzte sich auf eine Bank im Innenhof und wartete. Nur ganz von ferne hörte er die Geräusche der Straße. Quietschende Autoreifen, Hupen, Stimmen. Der Innenhof, in dem Luca saß, war von allen Seiten von einem dreistöckigen Gebäude umgeben. Treppen führten vom Innenhof in die einzelnen Stockwerke. Von dort gingen die Türen zu den Zimmern ab, Platz für 60 obdachlose Migranten. Im Erdgeschoss lagen der Waschraum, die große Küche und der Essraum. Über dem Eingang stand in großen leuchtenden roten Buchstaben: „Die Heimat des Migranten ist das Land, das ihn ernähren kann!“
Jedes Mal, wenn er durch die Tür ging, blieb er einen Moment stehen und las die Worte. Er war nach Mexiko zurückgekehrt, freiwillig, aber ob er hier eine Arbeit finden würde, die ausreichte, um zu überleben, das war mehr als zweifelhaft.
Lucas Augen wanderten weiter über den Hof zu dem großen, alten Bau in der Mitte, der seine Äste, die bis zum dritten Stockwerk reichten, schützend ausbreitete.
 „El abre de lágrimas“ nannten sie ihn hier im Casa. Baum der Tränen. Nachmittags und abends traf man sich dort,  um zu rauchen und zu reden.
„Er braucht keinen Regen.“ ,hatte sein Freund Manuel ihm erklärt. „Er wächst allein durch unsere Geschichten und die vielen Tränen, die hier schon geflossen sind.“  
Auch Luca hatte seit seiner Ankunft jeden Abend unter dem Baum verbracht und den anderen zugehört. Jeder hatte seine eigene Geschichte, wie er die Grenze überquert hatte, einmal zweimal, viele Male. Eins hatten alle Geschichten gemeinsam: sie handelten von gescheiterten Versuchen, denn wer hier unter dem Baum saß, hatte es nicht geschafft. Luca hörte ihnen zu, aber seine eigne Geschichte hatte er bisher nicht erzählt. Für das, was er erlebt hatte, fehlten ihm noch die Worte.
Luca wartete auf Manuel, der tagsüber an einer Tankstelle arbeitete. In zwei Stunden würde sich das vergitterte Eingangstor öffnen und nicht nur Manuel, sondern auch all die Menschen hereinlassen, die seit Stunden vor dem Haus warteten. Kinder, Jugendliche und Erwachsene.
Das Casa lag in einer Seitenstraße, keine 200 Meter von der mexikanisch-amerikanischen Grenze entfernt. Mitten durch die Stadt verlief der zwei Meter hohe Metallzaun, der nur von den Masten der Scheinwerfer auf amerikanischer Seite überragt wurde.
Das Casa öffnete täglich um 15 Uhr für alle, die Hilfe brauchten. Man  bekam ein sauberes Bett, konnte duschen, morgens und abends essen, erhielt Kleidung zum Wechseln und wurde ärztlich versorgt, was bei den meisten, die aus dem Gefängnis oder direkt aus der Wüste kamen, auch dringend nötig war. Auch bei der Suche nach Arbeit oder nach vermissten Familienangehörigen bekam man hier Unterstützung.
Tagsüber war das Haus geschlossen. Es wurde erwartet, dass jeder sich eine Arbeit suchte. Hilfsarbeiten auf dem Bau oder an einer Tankstelle. Mehr Möglichkeiten gab es nicht, denn die meisten blieben nur ein paar Tage, bevor sie einen neuen Versuch machten, die Grenze zu überqueren oder enttäuscht in ihre alte Heimat irgendwo in Mexiko oder Lateinamerika zurückkehrten.
Luca durfte ausnahmsweise im Haus bleiben, denn er wartete auf eine Nachricht von seiner Mutter, die jede Stunde eintreffen konnte. Und so saß er da und wartete mit seinem Rucksack auf dem Bauch, diesem Rucksack, den er nicht einen Moment aus den Augen ließ und dessen Inhalt außer ihm nur Manuel kannte.
Als er vor zwei Wochen im Casa angekommen war, hatte Manuel sich zunächst den ganzen Abend über ihn lustig gemacht, weil Luca sich geweigert hatte, den Rucksack zum Essen abzunehmen.
„Irgendwelche Schätze da drin?“ erkundigte er sich und klopfte auf den Rucksack, so dass Luca seine Hände schützend davor legte.
Kaum war Luca auf dem Zimmer, das er mit fünf weiteren Jugendlichen teilte, erschien Manuel mit seinen Freunden. „Geheimnisse gibt es hier nicht. Dann hättest du draußen bleiben müssen. Hier wird alles geteilt.“, sagte er und auf einen Wink von ihm wurde er gepackt und festgehalten.
Dann öffnete Manuel den Rucksack. Er grinste Luca an, als er das Zeitungspapier sah, das oben drauf lag. „Ist wohl sehr zerbrechlich, dein Schatz, was?“
Er nahm das Papier hoch und starrte dann sekundenlang in den Rucksack. Luca sah, wie seine Augen groß wurden und das Grinsen auf seinem Gesicht verschwand. Ohne ein weiteres Wort legte er das Zeitungspapier ganz behutsam wieder oben drauf und zog den Reißverschluss zu.
„Und der Schatz?“ fragte einer seiner Freunde ungeduldig. „Was ist jetzt damit?“
„Nichts, was euch etwas angeht. Lasst ihn los.“
Sie protestierten wütend, aber Manuel war so etwas wie der Boss und so stießen sie brummelnd Luca zur Seite.
„Was soll’n das? Erst machst du soviel Wirbel und dann …!“
Manuel ging zur Tür. „Lasst ihn einfach in Ruh. Der steht unter meinem Schutz!“
Luca hatte erleichtert Luft geholt, als die Gruppe das Zimmer verließ. Er drückte seinen Rucksack an sich. „Danke!“ flüsterte er.
Von diesem Moment an kümmerte sich Manuel um Luca. Das, was er im Rucksack gesehen hatte, erwähnte er mit keinem Wort.
Manuel war es auch, der den Vorschlag machte, am heutigen Abend ein Fest zu feiern, so wie es alle in ganz Mexiko an diesem Abend des ersten Novembers  und der darauf folgenden Nacht machten. Er hatte versprochen, auf dem Rückweg von der Arbeit alles Nötige zu besorgen.
Luca schloss die Augen. Auch wenn er nicht selber durch die Straßen von Tijuana gehen konnte, so wusste er, wie es aussah, an diesem Tag, hier so wie in ganz Mexiko seit Wochen schon: bunte Girlanden, festlich geschmückte Restaurants, überall verkleidete fröhliche Menschen, die herumliefen und ihre Scherze mit den Passanten machten, fröhliche Menschen in Festtagsstimmung.
Manuel kam erst kurz vor dem Abendessen, als sich das Casa längst mit hungrigen, müden Menschen gefüllt hatte. In beiden Händen trug er Plastiktüten, gefüllt mit allem, was sie für das Fest brauchten.
Auf Lucas Bett breitete er seine Einkäufe aus: Girlanden aus gelbem, rotem und grünem Papier, kleine Brote, sogar an gelbe Blumen hatte er gedacht. Zuletzt holte er aus einer Tüte zwei Totenköpfe aus Zucker, auf denen die Namen Luca und Manuel standen.
Am Abend, als die meisten schon auf ihren Zimmern lagen, bauten sie unter dem großen Baum einen Altar aus Steinen und Holzresten auf. Die Girlanden hängten sie in die Zweige. Daneben stellten sie die Totenköpfe aus Zuckerguss und die pan del muerte (Totenbrote). Um den Baum herum legte Luca einen Kreis aus Teelichtern.  
Dann öffnete er seinen Rucksack und nahm die Lage Zeitungen ab. Vorsichtig hob er den Totenkopf, der sich darunter befand, heraus und setzte ihn in die Mitte des Altars. Manuel streute gelbe Blüten über den Kopf, in die Augenhöhlen und die Nase.  
„Hat er geraucht? Oder ist das eine ‚sie‘?“ fragte er dann.
„ER!“ sagte Luca. „Und geraucht hat er, wann immer er das Geld hatte, aber  das war am Ende nicht oft.“
„Heute wird gefeiert, auch wenn wir morgen wieder pleite sind!“ sagte Manuel. „El Dia del Muerte! Der Tag der Toten!“ Aus seiner Hosentasche zog er eine Zigarette, zündete sie an und steckte sie dem Kopf in den Mund. „Damit er mitfeiern kann.“
Auch jetzt fragte Manuel nicht, wem der Kopf gehörte. Es reichte, dass er Luca wichtig war, so wichtig, dass er ihn wie einen kostbaren Schatz mit sich herumschleppte.
Nach und nach kamen andere hinzu, angelockt vom Licht der Kerzen. Der Platz unter dem Baum füllte sich. Jeder brachte etwas mit: eine weitere Kerze, kleine Marzipansärge mit den Namen von Freunden oder Verwandten. Ein Skelett aus Draht, das in der Dunkelheit leuchtete, hängten sie in den Baum, wo es sich gespenstisch hin und her drehte.
Jorge kam mit einem Akkordeon, das er sich von Benito ausgeliehen hatte.

„Heute überquere ich die Grenze,
über mir der blaue Himmel,
unter mir der gelbe Wüstensand.“

Jorge hatte eine schöne Stimme und sie summten die Melodie leise mit, auch wenn der Text offenbar von jemandem geschrieben war, der die Grenze nie selber durch die Wüste überquert hatte, denn in keiner Strophe wurden die Gefahren erwähnt, die so manchem Grenzgänger das Leben kosteten.
„Du hättest Mariacchi werden sollen!“ meinte Costa.
„Mein Onkel hat das Lied immer gesungen. Er hat in einer Band gespielt. Sie sind dann über die Grenze, weil sie dachten, in den USA können sie mehr Geld machen….“
Niemand fragte, was aus ihnen geworden war, Jorges Schweigen war bereits die Antwort.
„Zuhause sitzen sie jetzt auch zusammen… auf dem Friedhof.“, sagte Gabriel in die plötzliche Stille hinein. „Jedes Jahr legen die Leute aus meinem Dorf zusammen und bezahlen eine Mariachiband, damit sie auf dem Friedhof spielt..“
„Meine Großmutter backt die besten Totenbrote!“, erzählte Francisco. “Das ganze Jahr über gibt es nicht so viel zu essen, wie in dieser Nacht auf dem Friedhof.“
Es war Jahre her, dass Luca mit der ganzen Familie das Totenfest gefeiert hatte. Damals, als die Familie noch zusammen war, hatte er sich als Skelett verkleidet und zwischen den Gräbern auf dem Friedhof mit seinen Freunden die ganze Nacht getanzt.
„Bei uns in Bolivien“, sagte Roberto „haben viele Leute die Köpfe ihrer Toten im Wohnzimmer stehen. Der Kopf von meinem Großvater steht das ganze Jahr über in einem kleinen Holzschrein auf dem Schrank. So kann er alles miterleben, was bei uns passiert und uns beschützen. Jedes Jahr am 8.November nimmt meine Mutter den calavera (Schädel) heraus und schmückt ihn mit Blumen. Dann tragen wir ihn in die Kirche, wo der Pfarrer alle segnet und danach wird auf dem Friedhof ein großes Fest gefeiert mit Musikkappellen und wir essen und trinken. La fiesta de las natitas.“
Roberto schwieg. Man sah seinem Gesicht an, dass er mit seinen Gedanken ganz weit weg nach Bolivien geflogen war, wo auch jetzt gerade seine Familie zusammen saß und feierte – ohne ihn.
„Das Beste bei uns im Dorf sind die Hahnenkämpfe.“, erzählte Jason. „Einmal durfte ich den Hahn vom Patron trainieren. Ich hab ihm die schärfsten Stahlklingen, die ich finden konnte, an die Beine gebunden. Er hat gesiegt und ich hab´ ne Menge pesos gewonnen.“
Luca hörte den anderen zu, wie sie von den Festen in ihren Familien und Dörfern erzählten. Er hatte die posadas in der Adventszeit am Liebsten gemocht, zu denen seine Mutter alle Familienmitglieder, Freunde und Nachbarn eingeladen hatte. Es wurde gesungen und gegessen. Seine Mutter konnte von allen Frauen im Dorf die besten tamales machen. (Mais-masa mit einer würzigen Paste: gehacktes Fleisch, Kräuter, Chile und Zwiebel auf Mais- oder Bananenblätter gestrichen, eingewickelt, mit Blattstreifen verschnürt und in Dampf gegart). Luca lief das Wasser im Mund zusammen.

Plötzlich tauchte aus dem Dunkeln ein Skelett auf, das um die Kerzen herum einen wilden Tanz aufführte, schließlich Manuel an den Händen griff und mit ihm zusammen um den Baum der Tränen tanzte. Es war Raúl, der aus der Stadt ein Skelettkostüm mitgebracht hatte.
Am Ende tanzten sie alle um den Baum herum, einen wilden, verrückten Tanz und fielen dann erschöpft zu Boden. Bis in die Morgenstunden hinein saßen sie zusammen, lachten und erzählten von bunten, fröhlichen Festen mit ihren Familien, aus einer Zeit, bevor sie sich auf den langen Weg zur Grenze gemacht hatten.

Hintergrund


Ihre Bücher Vietnam

ISBN 978-3-8000-5421-3

Januar 2009 bei Ueberreuter

Made in Vietnam

Die 14-Jährige Lan schuftet unter unmenschlichen Bedingungen in einer Fabrik in Vietnam, die trendige Sportschuhe herstellt. Lan muss durchhalten, denn der Lohn sichert ihrer Familie das Überleben. Doch dann erhält sie unerwartet Hilfe von der Tochter eines deutschen Arbeitsinspektors und dem Vater des Fabrikbesitzers…

Einschlafen verboten!

Lan zuckt vor Schmerz zusammen, als sie den Schlag auf ihrem Rücken spürt. Erschrocken fährt sie hoch und sieht die mitleidigen Blicke ihrer Arbeitskolleginnen. Sie alle wissen, was jetzt passieren wird, denn es gibt nur wenige unter ihnen, die es noch nicht erwischt hat…

So wie Lan, der Hauptperson in meinem Buch Made in Vietnam, geht es täglich Tausenden Jugendlichen, die in einer der vielen Schuhfabriken im Süden Vietnams Markenturnschuhe für die Käufer in Europa und Amerika herstellen.
Eingeschlossen hinter Stacheldraht leben die zumeist jungen Mädchen und Frauen, vielfach jünger als 14 Jahre, mit bis zu 30 anderen in einem Raum, Schränke gibt es nicht, nur ein Bett, auf das sie nach Beendigung der Schicht todmüde fallen und sofort einschlafen. Nach nur wenigen Stunden beginnt die nächste Schicht.
Die Mädchen sind aus allen Teilen des Landes zum Arbeiten in den Süden gekommen. Einen Pass besitzen die meisten nicht, sie sind froh, überhaupt eine Arbeit bekommen zu haben, mit der sie ihre Familie zu Hause ernähren können. Zwischen 20 und 40 Euro im Monat bekommen die Arbeiterin an Lohn – zu wenig um regelmäßig nach Hause zu fahren. Ihre Familien sehen sie oft monate- manchmal jahrelang nicht. Außerdem: Urlaub gibt es nicht.

Ein weiteres Mal schlägt die Aufseherin zu. Lan krallt ihre Hände in das Leder des Sportschuhs, der vor ihr auf dem Tisch steht. Die Tränen schießen ihr in die Augen...

Fast zehn Stunden täglich arbeiten die Mädchen in der Fabrik, einmal pro Schicht dürfen sie auf die Toilette gehen. Unbezahlte Überstunden sind die Regel, auch nachts und am Wochenende wird oft gearbeitet, damit die Schuhe pünktlich fertig werden. Die Hitze in der Halle ist unerträglich, der Klebstoff, mit dem sie die Sohlen zusammenkleben, verursacht Übelkeit.  Gesetzliche Vorschriften über maximale Arbeitszeiten, regelmäßige Pausen und die Sicherheit am Arbeitsplatz werden nicht eingehalten.
Ab und zu berichten die Medien von Arbeitern in Vietnam, die für mehr Lohn und für bessere Arbeitsbedingungen streiken. Aber das sind Ausnahmen. Statt mehr Lohn zu bekommen, riskieren sie die sofortige Entlassung oder die Schließung der Fabrik. Und immerhin verdienen sie ja Geld, wenn auch nur wenig. Daher beißen sie die Zähne zusammen und halten durch, solange es geht.
Manchmal wird in der internationalen Presse über die Zustände berichtet. Dann versprechen die großen internationalen Konzerne immer eine Verbesserung der Bedingungen, aber ohne eine wirksame Kontrolle, ob dies auch geschieht, ändert sich meist nichts. Oft sind es auch die kleinen Zulieferfirmen, die überhaupt nicht kontrolliert werden, in denen die Arbeitsbedingungen noch katastrophaler sind.
Immer wieder schläft eines der Mädchen vor Erschöpfung ein und wird dann von der Aufseherin bestraft. So wie Lan in meinem Buch: „Augen auf!“ kommandiert die Aufseherin und Lan reißt ihre Augen auf, so weit sie kann. Je weiter sie die Augen selber öffnet, desto weniger tut es weh, haben ihr die anderen gesagt. Für Lan ist es das erste Mal und das ist immer am schlimmsten. Die Aufseherin nimmt  aus ihrer Kitteltasche eine Schachtel mit Streichhölzern, holt eins heraus und bricht es in zwei Hälften. Sie schiebt die eine Streichholzhälfte unter Lans geöffnetes Augenlid und piekst dann das andere Ende unterhalb des Auges in die Haut. Das Gleiche macht sie mit dem rechten Auge. Lans Augen tränen vor Schmerz und hilfloser Wut…
?Woher ich das alles weiß? Vor einigen Monaten war ich mit meinem Sohn mit dem Auto im Süden Vietnams unterwegs. Wir fuhren durch kleine Dörfer, an Reisfeldern, Wasserbüffeln und arbeitenden Bauern vorbei. Vietnam, so wie man es sich vorstellt. Plötzlich hörten die Reisfelder auf. Wir sahen graue Hallen, umgeben von Mauern und Stacheldraht, am Eingangstor uniformierte Wachen. Ein Gefängnis dachten wir im ersten Moment. Unter den Bäumen vor dem Tor saßen im Schatten junge Mädchen, 12, 13, 14 Jahre alt. Wir hielten an und fragten sie. Es war kein Gefängnis, sondern nur eine Fabrik, in der Sportschuhe hergestellt werden. Die Mädchen warteten darauf, einen Arbeitsplatz zu bekommen. Alle bis auf eine, die blass und mit verweinten Augen da saß. „Sie ist entlassen worden“, erklärte man uns. „Sie ist bei der Arbeit eingeschlafen.“ Das Mädchen hat uns dann seine Geschichte erzählt. Einige Tage später konnten wir auch noch mit anderen sprechen, die immer noch in der Fabrik arbeiten.
„Schreib es auf!“ haben sie gesagt. „ Je mehr Menschen von uns erfahren, desto größer ist unsere Hoffnung, dass sich vielleicht etwas ändert.“ Ich habe nun wie versprochen das Buch geschrieben. Die Namen habe ich geändert, ich möchte niemanden gefährden.
Ob sich aber tatsächlich etwas ändert, weiß ich nicht. Mit Buchstaben kann man die Welt schließlich nicht verändern, nicht einmal ein kleines Stück.

Oder vielleicht doch?

Hintergrund


Ihre Bücher Face

ISBN 978-3-8000-5610-1

Januar 2011 bei Ueberreuter

Second Face

Unzertrennlich sind sie, die Zwillingsschwestern Anne und Marie, bis zwei Jungen in ihr Leben treten und damit eine Spirale der Täuschungen und Konflikte beginnt.

Marie flüchtet in ihrem Liebeskummer in die Welt des Second Life, wo sie ein neues virtuelles Leben aufbaut und sich sicher glaubt vor weiteren Enttäuschungen. Erst als jemand bei Facebook gefälschte Nacktfotos von Anne einstellt, kehrt Marie in die reale Welt zurück…

Nackt im Internet

„Am liebsten wäre ich tot!“ Wenn plötzlich Nacktphotos von einem Menschen im Internet auftauchen, ist das eine Katastrophe für die Betroffenen.

Verletzte Gefühle auf der Suche nach Rache

Am Anfang fand er das Ganze noch witzig, sich selber sehr cool und die ganze Aufregung eigentlich übertrieben. Am Ende bekam er einen Schulverweis und eine Anzeige wegen Verletzung des Persönlichkeitsrechts.
Passiert ist dies vor einigen Monaten an meiner Schule: Der Junge (14) hatte sich über eine Mitschülerin (14) geärgert, die ihn wegen seiner neuen Frisur vor der Klasse lächerlich gemacht hatte. Daraufhin wollte er sich rächen. Bei der anstehenden Klassenfahrt machte er heimlich mit seinem Handy Photos von dem Mädchen, als es unter der Dusche stand. Diese Photos stellte er bei Facebook ins Netz.
Während der Junge und seine Freunde sich über die Photos amüsierten, witzige Kommentare dazu schrieben und sie auf ihre Handys herunter luden, fiel das Mädchen in ein ganz tiefes Loch. Es traute sich kaum noch aus dem Haus. Wann immer es in der Schule eine Gruppe von Jungen lachend und tuschelnd zusammen stehen sah, vermutete es, zum Teil zu Recht, dass sie sich über ihren nackten Körper unterhielten.
„Ey, geile Figur!“ rief man ihr in der Pause zu. „Weiter so! Wann gibt es die nächsten Fotos?“  
Das Mädchen fehlte immer häufiger. Wenn es zur Schule kam, verbrachte es die Pause in der Klasse. „Ich wollte, ich wäre tot!“, sagte sie zu mir. Ich machte mir große Sorgen, dass sie sich etwas antut.
Es gab eine Untersuchung in der Schule, der schuldige Schüler war schnell ermittelt. Er gab auch sofort alles zu: „Das habe ich nicht gewollt!“ sagte er. „Ich wollte mich nur ein wenig rächen. Sie hat doch auch über mich gelacht.“ Er entschuldigte sich bei dem Mädchen, versprach die Fotos sofort zu löschen und damit war die Sache für ihn erledigt.
Dass er einen Schulverweis bekam und die Eltern des Mädchens ihn anzeigten, das hat er bis heute nicht verstanden.

Scham, Ohnmacht und Angst bleiben den Opfern

Megan aus Missouri/USA war 13 Jahre alt, als sie sich in einen jungen Mann aus dem Internet verliebte. Als der dann ganz plötzlich nichts mehr von ihr wissen wollte und sie böse beleidigte und beschimpfte, erhängte sie sich. Nach ihrem Tod stellte sich heraus, dass der vermeintliche junge Mann in Wirklichkeit ihre ehemalige Freundin war, die mit Hilfe ihrer Mutter diese virtuelle Figur aufgebaut hatte, um sich an Megan zu rächen, weil die ihre Freundschaft beendet hatte.
Am 3. März 2011 nahm die Polizei in Berlin sechs Jugendliche fest, die einen 17 Jährigen Jungen bewusstlos geschlagen haben. Der Junge wollte die Jugendlichen nur zur Rede stellen, warum sie seine Freundin auf isharegossip seit Wochen auf bösartige Weise gemobbt haben.
In Kalifornien erhängte sich der 13 Jährige Seth Walsh, der wegen seiner Homosexualität wochenlang von Mitschülern im Internet durch böse Beschimpfungen erniedrigt worden war. „Das ständige Hänseln, Quälen und die Scham waren am Ende zu viel für ihn!“ sagte seine Großmutter weinend beim Trauergottesdienst. Der homosexuelle amerikanische Student Tyler Clementi sprang von der George Washington Brücke in den Tod, nachdem sein Zimmergenosse heimlich einen Videofilm aufgenommen und ins Netz gestellt hatte, der ihn mit einem anderen Mann im Bett zeigte. Der Täter wird wahrscheinlich nur wegen Verletzung des Persönlichkeitsrechts bestraft werden.

Müsste man ihn nicht eigentlich wegen Mord anklagen?

Cybermobbing ist kein Kavaliersdelikt!

Cyber-Mobbing nennt man das, wenn jemand einen anderen mit Hilfe von Internet oder Handy absichtlich beleidigt, bedroht, bloßstellt oder belästigt. Das Wort „Mobbing“ kommt aus dem Englischen und bedeutet: jemanden angreifen, anpöbeln, schikanieren, über jemanden herfallen.
Die meisten Jugendlichen benutzen das Internet, um den Kontakt zu Freunden und Bekannten zu pflegen. Da werden Verabredungen getroffen, Wochenendereignisse oder Urlaubsfotos gepostet, manchmal auch nur mitgeteilt, dass man jetzt gerade eine Banane isst.
Diese an sich ganz harmlose Vernetzung untereinander wird aber immer häufiger dazu benutzt, Konflikte mit anderen auszutragen.
Eine Studie der Universität Koblenz-Landau zeigt, dass mehr als 50% der befragten Jugendlichen bereits einmal virtuell gemobbt worden sind; meistens ging es um Beleidigungen, falsche Gerüchte oder peinliche Fotos. Konflikte werden immer weniger direkt, sondern anonym unter dem Schutz des Netzes ausgetragen. Laut JIM-Studie 2010 (Medienpädagogischer Forschungsverbund) gaben 25% der befragten Jugendlichen an, dass das Internet innerhalb ihrer Clique eingesetzt wurde, um ganz gezielt jemanden fertig zu machen.
Mobbing im Internet ist einfacher, als ehrlich zu seiner Meinung zu stehen, weil man den anderen Menschen dabei nicht ansehen muss. Man kann andere beschimpfen, sie sogar bis in den Tod treiben und dabei sein eigenes Gesicht versteckt halten. Die Täter kommen sich dann auch noch besonders cool vor. Dabei sind sie einfach nur grenzenlos feige.
Zum Glück werden inzwischen in vielen Ländern die Strafen für Cybermobbing verschärft, damit die Täter mit ihren feigen Aktionen wenigstens nicht länger ungeschoren davon kommen.

Meist leben die Täter im direkten Umfeld der Opfer: Schule, Freundeskreis oder Wohngebiet. Fremde sind nur selten beteiligt, denn die Täter müssen, um effektiv mobben zu können, die persönlichen Daten der Opfer kennen. Die Motive sind meistens Rache für erlittene oder vermeintliche Beleidigungen, Eifersucht oder die Suche nach Aufmerksamkeit. Der Täter möchte vor seinen Freunden angeben. Manchmal geschieht es auch nur aus Frust und Langeweile.
Über die typischen Opfer gibt es unterschiedliche Meinungen. Manche behaupten, es sind wie die Täter überwiegend Menschen mit geringem Selbstwertgefühl. Andere glauben, dass der Täter sich gerade Menschen aussucht, die viele Freunde haben, anerkannt und beliebt sind, die all das sind, was der Täter gerne wäre, aber niemals sein wird. Daher hat es für ihn einen besonderen Reiz, gerade so einen Menschen zu verletzen.  
Mobbing in der Klasse und auf dem Schulhof gab in den unterschiedlichsten Formen zu allen Zeiten. Heute aber bekommt dies durch die modernen Medien eine ganz andere Dimension: Konnte man sich früher wenigstens zu Hause sicher fühlen, erreichen den Betroffenen die Beleidigungen jetzt sogar am eigenen Computer über E-mails, Chatrooms, Foren, aber auch über Facebook, Schüler VZ, YouTube und wie sie alle heißen. Mobbing unabhängig von Raum und Zeit. Bevor das Opfer überhaupt erfährt, dass Beleidigungen oder diffamierende Fotos im Netz stehen, haben sie oft schon der gesamte Freundeskreis und unüberschaubar viele Fremde gesehen.
Auch wenn die Betreiber der entsprechenden Seiten sich bemühen, bei Missbrauch die beleidigenden Äußerungen oder Fotos möglichst rasch zu löschen, bleibt die Angst bei den Betroffenen. Ein altes Sprichwort sagt: „Die Zeit heilt alle Wunden.“ Das aber gilt nicht für das Internet. Das Internet hat ein Elefantengedächtnis. Was einmal hineingestellt wurde, überlebt immer auf die eine oder andere Weise. Auch einstweilige Verfügungen eines Gerichtes oder ein Prozess können das nicht verhindern. Die Daten sind womöglich längst von anderen heruntergeladen und gespeichert worden und können dann jederzeit an anderer Stelle erneut ins Netz gestellt werden. Über Suchmaschinen mit der Funktion „Cache“ kann man auch nach Monaten bestimmte Informationen, selbst wenn die entsprechende Webseite gar nicht mehr existiert, abrufen.
Das Mädchen an meiner Schule wollte auch aus lauter Scham nicht weiter leben. Ihre Freundinnen, die sich liebevoll um sie gekümmert haben, und die vielen Therapiestunden bei einer Psychologin haben ihr zumindest neuen Lebensmut gegeben. Ihre Eltern haben sie auf einer anderen Schule angemeldet, damit sie die Blicke ihrer Mitschüler nicht länger fürchten muss. Aber die Angst, dass irgendwo doch noch Nacktfotos von ihr im Netz kursieren, diese Angst hat sie mitgenommen an die neue Schule.

Hintergrund


Ihre Bücher gibt’s keine Wasserbüffel

ISBN 3-451-22303-1

bei Herder

Im Supermarkt gibt’s keine Wasserbüffel

Binh ist sechzehn und kommt aus Vietnam. Auf abenteuerlichen Wegen ist ihm die Flucht aus dem Land gelungen, in dem er geboren wurde. In Hamburg hat er bei einer Familie ein neues Zuhause gefunden. Er geht hier zur Schule, hat Freunde gefunden und fühlt sich wohl. In Vietnam wartet seine Familie sehnsüchtig auf eine Möglichkeit zur Ausreise.

Aber Binh, der inzwischen auch die Probleme in seiner neuen Heimat kennt, weiß nicht, ob seine Eltern sich hier wirklich wohl fühlen würden. Und als dann der entscheidende Anruf  aus Vietnam kommt, dass die Eltern ausreisen dürfen, verhindert er das.

Daraufhin versuchen die Eltern die Flucht mit einem Boot. Binh ist entsetzt. Neben den Schuldgefühlen plagt ihn die Angst, ob er seine Eltern jemals wiedersehen wird? Die Gewässer rund um Vietnam sind voll von Piraten, die die Flüchtlingsboote überfallen…



Ihre Bücher die Worte fehlen

ISBN 978-3-8000-5533-3

Januar 2010 bei Ueberreuter

Wofür die Worte fehlen

Wenn das Schweigen zerbricht…
Kristian lebt in einer scheinbar normalen Familie. Doch er wird schon seit Jahren von schrecklichen Bauchschmerzen gequält. Und da sind die „Männerspiele“, zu denen ihn sein Vater zwingt und über die er mit niemandem reden darf. Nur in seine Manga-Zeichnungen des „Schwarzen Ritters“ fließt das furchtbare Geheimnis hinein…

Die Welt, in der wir leben, ist eine Welt, in der Worte eine große Bedeutung haben: in der Familie, im Freundeskreis, in der Schule, bei der Arbeit, in den Medien. Ohne Worte funktioniert ein Miteinander kaum. Freude und Ärger, Liebe und Hass, Glück und Leid, Lob und Tadel, Frust und Zorn, alles drücken wir über Worte aus.
Und dann gibt es diese Momente, die jeder schon einmal erlebt hat, wo uns die Worte fehlen, weil das, was wir erleben zu großartig ist, um es in Worte zu fassen oder weil es zu furchtbar ist.

So wie bei Kristian, den ich vor einiger Zeit kennen lernte. Es gibt ihn wirklich, den Jungen aus meinem Buch. Seinen Namen habe ich geändert. Dass sein Vater ihn seit Jahren missbrauchte, hat er mir erst nach vielen Monaten anvertraut. Er hatte Angst, seine Familie zu zerstören, wenn er die Wahrheit sagte. Er gab sich selber die Schuld an dem, was passiert war. Es hat lange gedauert, bis ich ihn überzeugen konnte, dass immer der Täter die Schuld hat, ein Kind aber nicht einmal den Hauch einer Mitschuld.

Sein Vater ist inzwischen bestraft worden, Kristian (so möchte ich ihn weiter nennen) lebt bei Verwandten. Ob er jemals vergessen kann, was er durchgemacht hat, weiß ich nicht. Zumindest seine täglichen Bauchschmerzen sind verschwunden, weil er am Ende doch ausdrücken konnte, wofür eigentlich die Worte fehlen.

Hintergrund


Ihre Bücher Prinzessin!

ISBN 978-3-8000-5666-8

Januar 2012 bei Ueberreuter

Weine nicht, Prinzessin!

In der Falle eines Loverboys:
„‚Weinen verboten, Prinzessin! Reiß dich zusammen! Du tust es für mich. Für uns! Ich kann mir auch eine andere suchen.‘ Da war sie wieder, diese Drohung, die Lara mehr als andere fürchtete. Mehr noch als die fremden Männer und ihre gierigen Hände.“

Henk benutzt Lara nur, doch ihre Liebe zu ihm ist so groß, dass sie alles erträgt, bis dann eines Tages etwas passiert, was auch sie nicht mehr verzeihen kann…

Manchmal wünsche ich mir, ich könnte nur über die schönen Dinge dieser Welt schreiben: über bunte Blumen, lachende Kinder, den Regenbogen, über die Sterne am nachtblauen Himmel, über Liebesträume, die Wirklichkeit werden.

Manchmal möchte ich die Welt lieber von ganz weit oben aus betrachten, von dort, wo selbst Hochhäuser wie Spielzeug aussehen und alle Probleme wie Streichholzschachteln.

Manchmal muss man träumen dürfen, auch wenn ich genau weiß, dass ich nicht über die schönen Dinge dieser Welt schreiben kann, solange es junge Menschen gibt, denen der Blick auf genau diese Seiten dieser Welt verwehrt wird.

Auch der Geschichte von Lara liegt eine wahre Geschichte zugrunde. Eine meiner früheren Schülerinnen ist an einen Loverboy geraten. „Was willst du bei ihm? Er tut dir nur weh!“, habe ich sie gefragt. „Ich habe Liebe gesucht!“, hat sie geantwortet. Ich habe dann später gedacht, es sei vorbei, dabei ist sie nur vorsichtiger geworden. Ich habe es damals nicht verstanden. Ich wusste nichts von Loverboys und davon, dass die Suche nach Liebe eine Sucht sein kann.

Ich weiß nicht, wo sie heute ist und was sie macht, aber vielleicht erreicht meine Geschichte ja andere Mädchen, für die es noch nicht zu spät ist.

Hintergrund


Ihre Bücher der blinden Engel

ISBN 978-3-85252-110-7

Januar 2010 bei Verlag Bibliothek der Provinz

Das Tal der blinden Engel

Lina lebt mit ihren Eltern in einem kleinen Tal in den Bergen. Die Männer verdienen ihr Geld mit dem Verkauf von Heiligenfiguren, vor allem mit geschnitzten Engeln. Eine scheinbare Idylle - und doch verbirgt sich in dem kleinen Tal ein Geheimnis, das niemand aussprechen mag, weil sich das Schreckliche nicht in Worte fassen lässt…

Leseprobe des ersten Kapitels

Tränen sind die stumme Sprache des Kummers

Sorgfältig schneidet Lina ein silbernes Dreieck aus dem Rest Schokoladenpapier, das liebevoll geglättet neben ihr liegt. Sie bestreicht es mit Klebstoff und drückt es auf die Spitze des Großen Feldbergs. Fertig! Zufrieden betrachtet sie ihr Bild. Auch der Kleine Feldberg und die Hexenwand haben eine silberne Spitze bekommen, genauso wie alle anderen Berge, die das kleine Tal, in dem Lina lebt, wie eine undurchdringliche Mauer umschließen.

Wenn die Sonne auf ihr Bild scheint, glitzern die Berge, so als läge wirklich dicker weißer Schnee auf ihnen. Es ist ein gutes Bild geworden. Der Vater wird zufrieden sein. Sie fängt die letzten Sonnenstrahlen ein und lächelt den schimmernden Bergen zu.

Dann geht die Sonne unter.

Lina holt tief Luft, nimmt einen spitzen Bleistift aus ihrer Mappe und zeichnet mit flinken Bewegungen ein Mädchen auf die höchste Bergspitze. Es sitzt mit angezogenen Beinen auf dem silbernen Schokoladenpapier, die Arme fest um die Knie gepresst. Der Kopf des Mädchens ist nach oben gedreht.

Lina zeichnet immer schneller. Sie kennt jeden Strich, den sie machen muss, auswendig. Das Radiergummi, das sie beim Zeichnen der Berge häufig benutzt hat, liegt unberührt neben ihr.

Die dunklen Schatten werden immer länger.

Lina friert, obwohl sie ihre dicke Winterjacke angezogen hat. Mit Fingern, die vor Kälte ganz klamm sind, malt Lina zum Abschluss rechts unten ihr Kennzeichen auf das Bild:

G 19, 6–8.

Winzig klein das G und winzig die Zahlen, mit einer Lupe nur zu entziffern. Es ist jedes Mal ein Risiko und die Aufregung in Linas Bauch vollführt immer einen wilden Tanz, wenn sie ein fertiges Bild zu Hause bei ihrem Vater abliefert, der es aber, ohne einen Blick darauf zu werfen, in die Mappe zu den anderen Bildern legt. Hauptsache, die Bilder verkaufen sich weiterhin so gut wie bisher.

„Du musst deinen Namen darunter schreiben, groß und deutlich!“ hat die Mutter anfangs gesagt. „Falls du mal berühmt wirst. Die Leute müssen doch wissen, wie du heißt.“

„Das ist mein Name“, hat Lina geantwortet.

„G 19, 6-8! Was soll das sein? Hört sich an wie ein Raumschiff!“ hat ihr großer Bruder sie ausgelacht. „G 19, 6-8! Bitte kommen!“

Nur ihre große Schwester hat sie mit großen, ängstlichen Augen angesehen. „Du bist verrückt, Lina!“ hat sie leise geflüstert. „Sie werden dich umbringen!“

Lina ist froh, dass ihre Schwester Bescheid weiß, denn wenn es tatsächlich herauskommt und ihr etwas passiert, muss einer die Wahrheit kennen. Aber sie weiß auch, dass ihre Schwester die Wahrheit niemals weiter sagen wird. Das hat sie, Lina, ja auch nicht geschafft.

Es gibt keine Worte für das Unaussprechliche. Darum muss Lina die Wahrheit in ihren Bildern verstecken. Und so gibt es nur die Bilder und die leise Hoffnung, dass irgendwann irgendwo irgendjemand die Wahrheit in ihren Bildern findet.

Der Mond übernimmt die Herrschaft im Tal, auch wenn er zurzeit nicht größer ist als die Sichel, die ihr Vater zum Grasschneiden benutzt.

Lina packt ihre Malsachen ein und macht sich auf den Heimweg. Früher hat sie große Angst vor der Dunkelheit gehabt. Aber das war in einem anderen Leben, als sie unter ihre Bilder noch Lina schrieb, das war in einer Zeit, bevor sie gelernt hat, dass man vor vielen Dingen  Angst haben kann. Die Dunkelheit gehört nicht dazu.

Eine Wolke verdeckt den Mond, als Lina an ihrem Elternhaus ankommt und leise durch die Hintertür hineinschlüpft.

Hintergrund


Ihre Bücher Prozess

ISBN 3-451-22894-7

bei Herder

Der zweite Prozess

„Freispruch für Bernd Schmiet! Mauerschütze geht straflos aus!“ Seit dem Bericht in der Zeitung hat Mike nur noch eines im Kopf: Rache! Rache für seinen Bruder, der beim Fluchtversuch an der innerdeutschen Grenze erschossen wurde.

Zusammen mit seiner Freundin Jana legt Mike Feuer in dem Einfamilienhaus von Bernd Schmiet…



Ihre Bücher Vierte Reich

ISBN 3-473-58229-8

bei Ravensburger

Das Vierte Reich

Daniels Großvater war im Dritten Reich bei der SS: als Bewacher im KZ. Daniel mag den Großvater. Er ist ein liebenswürdiger alter Mann, der ihm Geschichten erzählt von „damals“ und davon, wie es „wirklich“ war… Daniel wächst hinein in die rechte Szene seiner Stadt – nimmt teil an den „Aktionen“ auf dem jüdischen Friedhof, „wehrt“ sich gegen Ausländer, verkauft Nazi-Schriften.
Doch eine Frage taucht immer wieder auf: Was ist mit seiner Großmutter? Niemand will mit ihm darüber reden, alle weichen aus. Daniel soll sie verleugnen. Warum? Was geschah mit ihr? Warum schweigt der Großvater, der sonst alle seine Fragen bereitwillig beantwortet?