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Bücher

Träume wohnen überall

ISBN 978-3-8000-5210-3

Januar 2006 bei Ueberreuter

Träume wohnen überall

Sandale (15) lebt in Bukarest auf der Straße. Tagsüber geht sie am Bahnhof betteln, nachts schläft sie in der Kanalisation. Nur in der Sozialstation St. Lazarus findet sie hin und wieder für ein paar Tage Zuflucht - vor dem Hunger, der Gewalt, den Drogen und der Prostitution. Als sie am Bahnhof einem deutschen Jungen den Rucksack klaut, denkt sie sich nichts dabei, schließlich muss sie klauen, um zu überleben. Aber dann trifft sie diesen Jungen ausgerechnet im St. Lazarus wieder…

„Der Prinz im roten Mantel“, so nennen ihn die Kinder vom Bahnhof in Bukarest/Rumänien. Ein Prinz von 14 Jahren, der seit seinem 7. Lebensjahr mit seinen beiden jüngeren Geschwistern am Bahnhof lebt. Er findet sein Essen in Mülltonnen oder er bettelt, er schläft im Winter in der unterirdischen Kanalisation neben den riesigen Heizungsrohren. Den roten Mantel hat er auch in einer Mülltonne gefunden.
„Der Prinz im roten Mantel“, der von sich sagte, dass er keine Träume mehr habe, stand am Anfang meiner ganz persönlichen Geschichte mit den Straßenkindern. Als ich vor einem Jahr die Anfrage des Verlages bekam, ob ich nicht ein Buch über diese Kinder schreiben wollte, schickte man mir ein Photo des Jungen mit. Vier Monate später wa ich mit meinem Sohn in Bukarest, denn um eine Geschichte zu schreiben, musste ich diese Kinder näher kennen lernen.

Wir lebten mit ihnen eine Woche lang auf der Sozialstation St. Lazarus, wir aßen gemeinsam und verbrachten so manchen Abend mit ihnen. Wir erlebten sie, wie sie abends verdreckt und müde vom Bahnhof kamen und wie sie kurze Zeit später lustige Lieder sangen und sich gegenseitig Witze erzählten. Lebensfreude und Hoffnungslosigkeit, Offenheit und Misstrauen, Lachen und Weinen. Tage voller Gegensätze.

Der Prinz ist nur eines ca. 3000 Kindern und Jugendlichen, die in Bukarest dauerhaft oder vorübergehend auf der Straße leben, in Rumänien insgesamt sind es 6.000, weltweit etwa 33 Millionen, vor allem in den Städten. Auch in so genannten „reichen“ Ländern wie Deutschland leben nach Schätzungen ca. 9000 Kinder und Jugendliche auf der Straße, davon 10–15 % dauerhaft.

Abgesehen von Kriegsgebieten leben die wenigsten Kinder auf der Straße, weil sie keine Eltern mehr haben, sondern weil sie das Leben zu Hause mit Eltern, die alkoholabhängig sind und sie ständig misshandelt haben, nicht mehr aushielten. Ihr neues Zuhause sind die unterirdischen Abwasser- und Heizungsschächte, Parks und Hauseingänge, wo sie zugedeckt mit Pappen und alten Decken ihre Nächte verbringen.

Kaum eines dieser Kinder geht zur Schule, sie brauchen ihre Zeit um zu überleben. Sie betteln, stehlen, durchsuchen die Mülltonnen nach Essbarem oder verkaufen ihren Körper. Manche verdienen sich ein wenig Geld durch Gelegenheitsarbeiten, wie das Waschen von Autos oder das Einweisen auf Parkplätzen.
Um den Hunger und die Sorgen zu vergessen, nehmen sie Drogen: Klebstoff oder Lösungsmittel, die sie aus kleinen Tüten schnüffeln. Obwohl sie wissen, dass sie ihre Augen, ihre Lungen und ihr Gehirn damit schädigen, können sie nicht aufhören. Die Sehsucht, ihre Probleme zu vergessen, ist größer.

Viele Kinder und Jugendliche schließen sich in Banden, einer Art Ersatzfamilie, zusammen, weil ihnen das ein gewisses Maß an Sicherheit gibt, denn Gewalt und Misshandlungen gehören auch hier zu ihrem täglichen Leben.

Je länger sie obdachlos sind, desto schwieriger wird es, sie wieder in einer Familie oder einem Heim unterzubringen. Bei allen Schwierigkeiten, die sie auf der Straße haben, lieben sie ihre Freiheit und es fällt ihnen sehr schwer, sich wieder an Regeln zu gewöhnen. Manche schaffen es gar nicht mehr.

So wie mein Prinz. Die ganze Zeit in Bukarest war ich auf der Suche. Ich wollte ihn sehen, ihn fragen, ob er immer noch keine Träume hat. Inzwischen wusste ich, dass das Photo, das ich gesehen hatte, 7 Jahre alt war. Der Prinz musste also inzwischen 21 sein. Am Tag vor meinem Rückflug ging ich ein letztes Mal mit den Sozialarbeitern zum Bahnhof und dort traf ich ihn.

Er winkte uns fröhlich zu und als wir näher kamen, sahen wir, dass sein linker Arm notdürftig verbunden war. Wir konnten die blutigen Wunden sehen, wo er sich selber am Abend zuvor den Arm aufgeschnitten hatte. Auch an seinem Bein waren tiefe Schnittwunden. Die Polizei hatte das Matratzenlager hinter dem Bahnhof, auf dem er mit seinen Freunden im Sommer schlief, aufgelöst und vor Wut hatte er sich mit dem Messer geschnitten. „Man kann erst aufhören, wenn der Schmerz größer ist als die Wut.“, erzählte er uns. Die meisten Kinder vom Bahnhof haben Narben an Armen und Beinen oder am Bauch.

„Der Prinz mit dem roten Mantel“, der ihm längst zu klein geworden ist, träumt von einem ganz normalen Leben als Bäcker. Er möchte eine Familie und ein Haus haben und viele Tiere, erzählte er uns.
Aber als er mich anschaute, sah ich in seinen rot unterlaufenden Augen, dass der Aurolac, die giftigen Dämpfe des billigen Lösungsmittels aus dem Baumarkt, seinen Körper und seinen Verstand bereits angegriffen hatten. Seine Träume würde niemals Wirklichkeit werden. Das wusste ich in diesem Moment und er wusste es auch.

Aber was er selber nicht mehr schaffen wird, das versucht er zumindest für andere. Immer wieder bringt er kleine Kinder, die täglich neu an den Bahnhof kommen, zur Sozialstation, damit wenigstens sie das schaffen können, was es für ihn nicht mehr geben wird: ein Leben weit weg vom Bahnhof, in einer Familie und einem Haus mit vielen Tieren.